Tal der fünf polnischen Teiche

Strecke: 23 km · 1,131 m Höhenmeter · 8–9 Stunden
18. July 2017

Wir brachen sehr früh am Morgen auf, lange bevor sich der Parkplatz in Palenica Białczańska mit Autos und Stimmen füllte. Die Länge und der Ernst der Route verlangten diesen stillen Beginn. Mit uns waren Hania, unsere Söhne Simon und Victor und jene besondere Erwartung, die einen langen Tag im Hochgebirge begleitet. Die Luft war kühl und leicht feucht, das Licht noch weich, und über dem Wald erhoben sich die Silhouetten der Hohen Tatra in geschichteten Tönen von Blau und Graphit, ihre gezackten Linien selbst aus der Ferne klar gezeichnet.

Die ersten Kilometer führten über eine breite, asphaltierte Straße, die sanft durch dichten Fichtenwald anstieg. Die Stämme standen gerade und dunkel, ihre Rinde im Morgenschatten fast schwarz, während helle Kiesflächen und Moospolster unter den Füßen schimmerten. Es war ein leichter, beinahe meditativer Auftakt, trügerisch in seiner Ruhe. Nach 4,3 Kilometern und rund 130 Höhenmetern bog der Weg, der Wald lichtete sich, und das Rauschen des Wassers wurde lauter. Bei den Wodogrzmoty Mickiewicza verengte sich der Pfad, wurde grün, und die Berge meldeten sich mit Nachdruck zu Wort. Weißes Wasser stürzte über gestufte Felswände, der Stein vom ständigen Sprühnebel dunkel gefärbt, und die Luft roch nach nassem Granit und kaltem Wasser.


Gallerie I – Von Wodogrzmoty Mickiewicza zu den Siklawa Wasserfällen


Jenseits der Wasserfälle wurde der Weg deutlich steiler. Auf den nächsten 3,7 Kilometern stiegen wir durch das Roztoka-Tal auf, zunächst steil, dann in längeren, gleichmäßigeren Passagen, stets begleitet von einem unruhigen Bach, der sich durch Stein und Geröll schnitt. Unter den Füßen wechselten große Steinplatten mit losem Schutt und zwangen uns zu einem konzentrierten, ruhigen Rhythmus. Östlich erhoben sich die mächtigen Wände von Skrajny Wołoszyn, Pośredni Wołoszyn und Wielki Wołoszyn. Ihre Flanken bestanden aus geschichtetem Kalkstein und Granit, durchzogen von hellen Schuttfächern und dunkleren, senkrechten Narben, wo Wasser und Eis den Fels gezeichnet hatten. Vereinzelte alpine Graspolster klammerten sich scheinbar unmöglich an schmale Simse und setzten gedämpfte Grüntöne in das vorherrschende Grau.

Mit weiteren 570 Höhenmetern verengte sich das Tal, und die Berge rückten näher zusammen, ihre Hänge bildeten einen monumentalen Korridor. Das Licht wechselte ständig: tiefer Schatten unter den Felswänden, plötzliche Helligkeit dort, wo sich das Tal öffnete, weiße Blitze des Wassers unter uns. In der Tatra ist man nie ganz allein. Stimmen hallten wider, Schritte scharrten auf Stein, und immer wieder begegneten wir anderen Wanderern, alle mit derselben stillen Entschlossenheit nach oben unterwegs.

Die Siklawa kündigte sich lange an, bevor wir unter ihr standen. Das Rauschen wuchs zu einem gleichmäßigen Donnern, dann zeigte sich der Wasserfall in seiner ganzen Höhe: ein breiter, kraftvoller Vorhang aus weißem Wasser, der von einer hohen Felsstufe stürzte, sich in feinen Sprühnebel auflöste und schließlich mit Wucht in das Becken darunter fiel. Der umgebende Fels war dunkel, kantig und streng und verstärkte das Gefühl von Größe und Ernst. Wir standen eine Weile schweigend da, klein geworden vor etwas, das weit größer war als wir selbst.

Oberhalb der Siklawa veränderte sich die Landschaft abrupt. Das Gelände öffnete sich in das weite, lichtdurchflutete Tal der Fünf Polnischen Seen, und mit einem Mal kehrten Raum und Himmel zurück. Die Berge traten zurück und formten ein großes Amphitheater aus Gipfeln und Graten. Nahe am Weg lag die PTTK-Hütte, belebt und einladend, doch wir gingen weiter zum Wielki Staw Polski. Am Ufer setzten wir uns auf die Steine und reihten uns ein in die vielen, die instinktiv vom Wasser angezogen wurden.

Der See lag tief und still vor uns, seine Oberfläche in einem dunklen Stahlblau, in dem sich die umliegenden Berge mit erstaunlicher Klarheit spiegelten. Die Gipfel zeigten feine Farbnuancen: kühle Grau- und Silbertöne im Fels, wärmere Braun- und Rostfarben dort, wo eisenhaltiges Gestein freilag, und Streifen von Altschnee, verborgen in schattigen Rinnen. Beim Essen fühlten wir uns zwischen Wasser und Himmel aufgehoben, eingeschlossen und zugleich frei.


Gallerie II – Das Tal mit den fünf Seen


Vom Seeufer aus stieg der Weg erneut an und gewann etwa 430 Höhenmeter bis auf rund 1.720 Meter. Der Pfad führte uns höher in dünnere Luft, und mit jedem Schritt wurde die Farbpalette schärfer. Die Vegetation wurde spärlich und wich nacktem Fels: hellem Kalkstein, zerbrochenem Granit, kantigen Blöcken, von Frost und Schwerkraft übereinandergelegt. Latschenkiefern lagen geduckt am Boden, vom Wind und vom Schnee geformt. Die Berge wirkten hier alt und unerbittlich, über Jahrtausende von Eis und Wasser geformt.

Dann wandte sich der Weg nach unten. Den blauen Markierungen folgend begannen wir den Abstieg nach Morskie Oko durch felsiges Gelände, das rauer und ausgesetzter wirkte. Der Pfad schlängelte sich zwischen Blöcken und steilen Hängen hindurch und öffnete sich plötzlich zu dramatischen Ausblicken. Tief unter uns lagen dunkle Seen wie polierte Steine im Erdreich, ihre Oberflächen ruhig trotz der wilden Umgebung.

Schließlich ging der Fels in Asphalt über. Oberhalb des Morskie Oko stand eine weitere PTTK-Hütte, lebhaft und überfüllt, und darunter der See selbst, dunkelgrün und beinahe undurchsichtig, eingefasst von steil aufragenden Felswänden. Die Gipfel stiegen unmittelbar aus dem Wasser empor, ihre Spiegelbilder zitterten leicht bei jedem Lufthauch. Als unsere Stiefel den Asphalt berührten, durchströmte uns Erleichterung. Nach Stunden auf unebenem Grund fühlte sich die glatte Oberfläche fast luxuriös an.


Gallerie III – Talabwärts zum Morskie Oko


Von Morskie Oko zurück nach Palenica Białczańska führt der Weg fast durchgehend bergab über eine asphaltierte Straße. Wir waren inzwischen tief erschöpft, die Beine schwer, die Schritte langsamer. Der Gedanke an eine Pferdekutsche war verlockend, doch die Schlange schien endlos, und nach kurzem Zögern entschieden wir uns zu gehen. Auf halber Strecke war die Neuheit des Asphalts verflogen. Die Straße zog sich unerbittlich dahin, der Wald wiederholte sich, und unsere Gedanken verengten sich auf die einfache Bewegung des Voranschreitens.

Als wir schließlich das Auto erreichten, überrollte uns die Müdigkeit vollständig. Wir fühlten uns ausgezehrt, beinahe leer – und zugleich still erfüllt. Es war ein fordernder Tag gewesen, durch tosende Wasserfälle, enge Täler, hohe alpine Becken und gewaltige Bergwände, ein Weg, der sich in Muskeln und Erinnerung eingeschrieben hatte, geformt ebenso von Stein und Wasser wie von Anstrengung und Ausdauer.

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