3. September 2019
Ich begann den Highline Trail kurz vor Mittag und setzte um 11:30 Uhr meinen ersten Schritt auf den sonnendurchfluteten Holzsteg des Logan Pass. Die Luft war klar, der Himmel spannte sich wie eine makellose blaue Kuppel über mir, und die Berge zeichneten sich scharf und eindrucksvoll dagegen ab – ein geradezu überwältigender Gegensatz zu jenem trüben und nebligen Tag drei Jahre zuvor, als ich diesen Weg zusammen mit meinem Sohn Simon gegangen war. Am 12. Juli 2016 hatten die Wolken tief gehangen, unsere Jacken durchnässt und nahezu die gesamte Landschaft verschluckt. Diese Erinnerung an das monotone Grau kam mir sofort wieder in den Sinn, als ich nun im gleißenden Sonnenlicht auf den Bergrücken blickte.
Keine acht Minuten nach meinem Aufbruch erreichte ich die schmale Felsleiste, an der eine eiserne Sicherheitskette direkt in den Fels eingelassen ist. Rechts fiel die Wand steil und rau ab, tief hinunter in das Tal. Doch bei diesem Wetter wirkte der Weg weniger bedrohlich als damals im feuchten Nebel von 2016.
Galerie I – Die schmale Passage, zwei völlig unterschiedliche Tage
Wenige Minuten später erschien Haystack Butte, dessen massive Kalksteinmasse warm im Sonnenlicht schimmerte. Eine halbe Stunde weiter erreichte ich den kleinen Wasserfall, der an der Westseite des Pollock Mountain herabfließt und dessen Tropfen wie winzige Glassplitter im Licht glitzerten. Östlich davon erhob sich Mount Oberlin in ständig wechselnden Winkeln, seine breiten Flanken von Lichtstreifen und Schatten durchzogen. Tief unten im Tal schlängelte sich der Logan Creek durch das Grün, manchmal parallel zum Trail – fast, als begleite er mich ein Stück des Weges.
Weiter vorne reihten sich Bishop’s Cap, Mount Gould und Haystack Butte in einer majestätischen Linie aneinander. Ihre Formen – scharf, uralt, kraftvoll – fesselten meinen Blick immer wieder.
Galerie II – Die Berge entfalten sich
Mount Oberlin zur Linken und Haystack Butte zur Rechten wurden nun zu ständigen Begleitern. Nach einer Stunde und zehn Minuten tauchte Cannon Mountain neben Oberlin auf – grau, gezackt, eindrucksvoll freigelegt. Ein grandioser Blick: eine gesamte Gebirgsarchitektur aus Fels, geformt von uralten Gletschern und geschärft vom Wind.
Drei Jahre zuvor hatten Simon und ich diese Formen nur erahnen können. Im Nebel blieb vieles Vorstellung.
Eine weitere halbe Stunde später zeigte sich zum ersten Mal die Livingston Range – ein langer Reigen von Gipfeln, der sich in den Nordwesten erstreckt und im warmen Nachmittagslicht weich schimmerte.
Galerie III – Klarer Himmel und Erinnerungen an Nebel
2016 waren wir schneller gegangen, weil wir versuchten, mit einer Gruppe junger US-Amerikaner Schritt zu halten. So erreichten wir das Schneefeld bei Haystack Butte bereits nach einer Stunde und zwanzig Minuten. Ich erinnere mich noch an das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln und die feuchten Nebelschwaden, die uns umgaben. Heavens Peak war nur als geisterhafte Silhouette zu erahnen.
Kurz darauf begegneten wir damals einer Gruppe von etwa sieben Dickhornschafen. Sie standen oder lagen ruhig im Gras und ließen sich von uns kaum stören. Später sahen wir Murmeltiere und sogar eine kleine Maus zwischen den Steinen huschen.
Diesmal, 2019, sah ich nur Murmeltiere – dafür aber Berge in nie gekannter Klarheit.
Galerie IV – Tierwelt und Wetter
Nach weiteren Kurven entlang des Grats kam schließlich die Granite Park Chalet in Sicht. 2016 hatten wir diesen Punkt bereits nach knapp zweieinhalb Stunden erreicht; 2019 kam ich später an – aufgehalten vom Licht und dem ständigen Fotografieren. Ich ruhte mich am Chalet aus, blickte hinab ins tiefe Tal, wo der Lake McDonald im Licht schimmerte, und wieder hinauf zu Heavens Peak, der sich vollkommen wolkenfrei präsentierte.
Während ich dort saß, hörte ich jemanden über den Fahrplan des Shuttlebusses sprechen. Erst da erfuhr ich, dass der letzte Bus vom Logan Pass nach St. Mary bereits um 18 Uhr fuhr – seit Thanksgiving am Vortag. Sofort packte ich meine Sachen und begann den steilen Abstieg.
Galerie V – Bei der Granite Park Chalet
Der Abstieg zur Going-to-the-Sun Road verliert 605 Höhenmeter auf 7,3 Kilometern. Meine Knie spürten jeden einzelnen Meter. Doch die Berge blieben an meiner Seite – Heavens Peak und die Livingston Range begleiteten mich wie stille Gefährten.
Um 17:45 Uhr erreichte ich die Bushaltestelle. Die Schlange war lang – zu lang. Also streckte ich den Daumen heraus. Nach sieben Minuten hielt ein Auto. Ein südkoreanisches Ehepaar, das bereits 38 Jahre in Seattle lebte und inzwischen US-Staatsbürger war, nahm mich mit. Dankbar ließ ich mich zurück zum Logan Pass fahren.
Dort ging ich mit dem Mann noch zum Hidden Lake Overlook, während seine Frau im Auto blieb. Später brachten sie mich weiter bis zum Visitor Center am St. Mary Lake, machten unterwegs einige Stopps, und ich erklärte ihnen ein wenig über Berge und Landschaft.
Gallerie VI – Aussichtspunkte zusammen mit dem Ehepaar aus Südkorea
Es war ein wunderbares Tagesende. Und doch bemerkte ich später beim Durchsehen meiner Fotos, wie wenige Bilder ich vom Abstieg gemacht hatte – 2016 wegen des Nebels, 2019 wegen des Zeitdrucks. Also weiß ich, dass ich zurückkommen werde. Der Highline Trail hat mir noch mehr zu zeigen: mehr Licht, mehr Farben, mehr Stille.
Beim nächsten Mal werde ich mir Zeit lassen.































