Grinnell Glacier Trail – Glacier National Park

1. September 2019

Ein weicher Wolkenschleier hing an diesem ersten Morgen im September 2019 über Many Glacier, als ich zu einer der unvergesslichsten Wanderungen meines Lebens aufbrach: dem Grinnell Glacier Trail. Die Luft war kühl und feucht, die Farben rund um den Swiftcurrent Lake wirkten gedämpft – das Grün der Wälder war vom Nebel dunkler, die Granitwände von Allen Mountain und Mount Gould lagen in silbrigem Licht. Noch bevor ich den ersten Schritt tat, hatte ich das Gefühl, in eine Landschaft einzutreten, in der die Zeit anders verläuft – langsamer, älter, tiefer.

Am Trailhead schloss ich mich einer kleinen Gruppe junger Männer an. Wir wechselten ein paar freundliche Worte, doch schnell merkte ich, dass ihr Tempo gemütlicher war als meins. Nach einem langen Abschnitt und einer ausgedehnten Pause am Lake Josephine spürte ich, wie mich die Berge selbst weiterzogen. Mit ihnen zu bleiben hätte bedeutet, den Gletscher nicht rechtzeitig zu erreichen. Also zog ich die Rucksackriemen fest, wünschte ihnen eine gute Wanderung und ging allein weiter – hinein in eine Landschaft, die sich mit jedem Schritt noch weiter öffnete.

Galerie I – Früher Trail & Stille am See

Nachdem ich das hintere Ufer des Lake Josephine umrundet hatte, änderte sich der Charakter des Trails schlagartig. Der Weg stieg steil an, und plötzlich fiel zu einer Seite die Welt tief ab. Die Luft wurde kühler und dünner und trug das Rauschen ferner Wasserfälle. Etwa eine Meile hinter dem See öffnete sich ein überwältigender Blick: Grinnell Lake, tief unten und in einem unwirklichen Türkis, als würde er von innen leuchten.

Über ihm thronte Mount Gould wie eine gewaltige Wand aus dunklem, geschichtetem Gestein. Von seiner Schulter stürzten die weißen Bänder der Grinnell Falls hunderte von Metern in das Tal. Ich blieb stehen und ließ den Moment auf mich wirken. Es waren genau diese Ausblicke, die Müdigkeit vergessen lassen.

Galerie II – Erste Blicke ins Tal


Nach fast zwei Stunden Aufstieg erreichte ich ein Schild, das mir mitteilte, dass es noch weitere zwei Meilen bis zum Gletscher seien. Einige Wanderer gaben seufzend auf und kehrten um. Für einen Augenblick dachte ich selbst darüber nach – die Wolken wurden dichter, der Pfad steiler. Doch etwas in mir drängte weiter. Ich bin noch immer dankbar, dass ich auf dieses Gefühl hörte.

Der Weg führte nun durch offene alpine Wiesen, durchzogen von kleinen Wasserfällen, die wie silberne Fäden über die Felsen glitten. Rechts erhob sich Mount Grinnell mit seinen blockartigen, rotvioletten Felswänden, deren Farben bei jedem Wechsel des Lichts anders wirkten. Über dem letzten Wiesenhang tauchten die ersten blassblauen Zungen des Grinnell Glacier auf, die zwischen den dunklen Felsen schimmerten.

Dann kam der schmale Abschnitt – Felswand zu einer Seite, tiefer Abgrund zur anderen. Die Ausgesetztheit schärfte meine Sinne. Serpentine um Serpentine stieg ich höher, bis sich der Blick plötzlich wie ein riesiges Amphitheater aus Eis, Wasser und Stein öffnete.

Ich hatte den Grinnell Glacier Viewpoint erreicht.

Unter mir lag der obere Grinnell Lake, auf dessen Oberfläche Eisschollen wie zerbrochenes Glas trieben. Vor mir erhub sich die Garden Wall wie eine Festung gezackter Gipfel. Links ragte Mount Gould, rechts klebte der kleine Gem Glacier wie ein letzter Rest der Eiszeit hoch an der Wand. Der Gletscher selbst – etwa 150 Acres groß – leuchtete blass unter dem wolkigen Himmel.

Ich bat einen anderen Wanderer um ein Foto – eines meiner liebsten dieses Tages.

Galerie III – Schmaler Trail & Gletscherarena

Nach einer langen Pause machte ich mich schließlich auf den Rückweg. Der Abstieg fühlte sich leicht an – zumindest bis ein plötzlicher „Stau“ auf dem Trail mich stoppte. Ein Dickhornschaf stieg den Pfad herauf. Die Wanderer vor mir blieben stehen, und das Tier kletterte ruhig auf einen Felsen neben dem Weg und beobachtete uns von oben.

Wir warteten einige Minuten. Schließlich fragte ich, ob wir vorbeigehen könnten, und die Frau zu vorderst sagte sogeleich: „Geh Du voran.“ Also ging ich vorsichtig unter dem Felsen entlang, während das Schaf mich anstarrte und ich zurückstarrte. Mein Herz pochte, doch alles blieb ruhig. Sekunden später gelang mir ein Foto, wie es über dem Pfad thronte. Zwanzig Minuten später überholten mich zwei Wanderer – einer lachte: „Das ist der Typ, der als Erster am Schaf vorbei ist. Cool.“

Galerie IV – Der Dickhorn-Wächter

Der Abstieg brachte weitere Überraschungen. Vor mir öffnete sich das Tal in einer atemberaubenden Linie: Grinnell Lake in seinem leuchtenden Türkis, dahinter der dunklere Lake Josephine, und ganz hinten der silbrige Swiftcurrent Lake. Außerdem zeigte sich die Tierwelt von ihrer besten Seite. Ein Paar Schneegämsen standen auf einem Felsvorsprung. Im Wald bei Lake Josephine entdeckte ich mehrere Elche, einer davon direkt am Seeufer. Nur Bären fehlten an diesem Tag – obwohl ich den von vor drei Jahren, der am Parkeingang Beeren fraß, noch gut in Erinnerung hatte.

Kurz vor dem Ende des Trails tauchte plötzlich ein riesiger Elch nur drei Meter entfernt hinter einigen Bäumen auf. Für einen Moment blieb mir der Atem stehen – so ein Tier aus nächster Nähe beeindruckt und mahnt zugleich. Doch er fraß ruhig weiter, ohne sich um mich zu kümmern

Galerie V – Tierbegegnungen

An der Abzweigung zu den Red Rock Falls hatte ich noch Energie übrig und wanderte weitere vierzig Minuten. Dieser kleine Seitenweg wirkte nach der Dramatik des Gletschers fast still – nur das Gluckern des Flusses und das Rascheln der Spätsommerblätter begleiteten mich.

Später fuhr ich nach St. Mary Lake. Die Abendwolken rissen leicht auf, und über dem Wasser tauchte eine majestätische Reihe von Bergen auf: Red Eagle, Mahtotopa, Little Chief und Dusty Star Mountain, zart beleuchtet vom letzten Licht des Tages. Ein stiller Abschluss eines großartigen Tages.

Galerie VI – Berge am Abend

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