Yellowstone  – Mount Washburn Trail

6. July 2016

Nach dem Frühstück verließen wir Gardiner und fuhren südwärts durch Mammoth, immer tiefer hinein in den Yellowstone-Nationalpark. Das Morgenlicht war klar und warm, und über den Bergen lag noch diese stille Frische, als hätte der Tag gerade erst begonnen zu atmen. Unterwegs hielten wir immer wieder an, denn Yellowstone lässt einen nicht einfach vorbeifahren. Calcite Springs Overlook, Tower Fall und Devil’s Den verlangten nach unserer Zeit, und wir gaben sie ihnen gern. Auch Wildtiere zwangen uns zu Pausen, und wir genossen jeden dieser Momente, in denen die Landschaft unsere volle Aufmerksamkeit einforderte.

Der Calcite Springs Overlook ist über einen kurzen Spaziergang auf einem Holzsteg mit Treppen zu erreichen. Von dort blickten wir hinunter auf das nördliche Ende des Grand Canyon of the Yellowstone. Flussaufwärts sahen wir, wie sich der Yellowstone River tief in die Erde geschnitten hatte. Die Schlucht war steil und zerklüftet, ihre dunklen Felswände ragten schroff aus dem Wasser. Auf der gegenüberliegenden Seite zeigten sich eindrucksvoll die säulenförmigen Basaltstrukturen, wie von Feuer und Zeit gemeißelte Pfeiler. Flussabwärts änderte sich das Bild völlig. Der Hang von Calcite Springs wirkte gebleicht und karg, geprägt von hydrothermaler Aktivität, aus der leise Dampf aufstieg. Die zerklüfteten Canyonwände boten ideale Nistplätze für Fischadler und andere Greifvögel, die wir hoch über uns am Himmel kreisen sahen.

Ein kurzer Halt führte uns weiter zu den Tower Falls. Der Wasserfall stürzt hier 132 Fuß in die Tiefe, ein schmaler weißer Schleier vor dunklem vulkanischem Gestein. Es fiel leicht, sich vorzustellen, welche Wirkung dieser Anblick gehabt haben muss, als der Fotograf William Henry Jackson und der Maler Thomas Moran 1871 mit ihren Bildern von Yellowstone, darunter auch den Tower Falls, nach Washington zurückkehrten. Ihre Werke trugen entscheidend dazu bei, dass der Kongress 1872 den Yellowstone als ersten Nationalpark der Welt unter Schutz stellte. An diesem Ort fühlten wir uns mit diesem historischen Moment verbunden, in dem Schönheit den Lauf der Geschichte veränderte.

Wir fuhren weiter vorbei an Devil’s Den, bevor wir schließlich den Parkplatz des Mount-Washburn-Trails erreichten. Dies war das eigentliche Ziel des Tages: eine 11,4 Kilometer lange Wanderung mit 428 Höhenmetern, die zu einem der großartigsten Aussichtspunkte im Yellowstone führt.


Galerie I – Entlang der Straße zum Mount Washburn


Der Mount-Washburn-Trail gehört zu den beliebtesten Wanderungen im Yellowstone, und das aus gutem Grund. Vom Gipfel auf 10.243 Fuß (3.122 Meter) eröffnen sich Panoramablicke über weite Teile des Parks. Der Weg ist von Dunraven Pass oder Chittenden Road aus zugänglich und steigt gleichmäßig an, verlangt aber aufgrund der Höhe und der exponierten Lage Respekt. Im Sommer blühen hier Wildblumen, und mit etwas Glück lassen sich Dickhornschafe beobachten. Auf dem Gipfel steht ein historischer Feuerwachturm mit Ausstellungen und sogar Toiletten – ein kleiner, aber sehr willkommener Schutz an diesem windigen Ort.

Wir wanderten den Trail am 6. Juli 2016 gemeinsam mit unserem Sohn Simon. Kurz nach dem Start begegneten wir einem kleinen Eichhörnchen, das eifrig an einer Nuss knabberte und sich von uns nicht stören ließ. Abgesehen von einigen Vögeln war es das einzige Wildtier, das wir auf dem Weg sahen, doch die Ausblicke entschädigten uns vollkommen. Der Pfad zog sich stetig bergauf, und mit jeder Kurve öffnete sich die Landschaft weiter.

Zunächst war uns das Wetter wohlgesonnen. Sonnenschein ließ die Hänge in sanften Grün- und Goldtönen leuchten, und die fernen Berge wirkten weich und blau. Dann änderte sich der Himmel rasch. Die Wolken wurden dichter, das Licht kühler, und ein starker Wind kam auf, der uns durch die Kleidung schnitt. Als wir endlich das Gebäude auf dem Gipfel vor uns sahen, fühlte es sich wie ein Versprechen von Wärme an. Der Weg wand sich in langen Bögen nach oben, und je höher wir kamen, desto heftiger blies der Wind, der die letzten Meter besonders anstrengend machte.


Galerie II – Aufstieg zum Mount Washburn


Oben angekommen, betraten wir sofort das Gebäude, um uns aufzuwärmen. Informationstafeln erklärten die Landschaft unter uns. Ein Bild zeigte, dass man vom Mount Washburn bis zum Mount Sheridan sehen kann, der 37 Meilen südlich liegt. Dazwischen erstreckt sich die Yellowstone-Caldera, der riesige Vulkankrater, der vor etwa 640.000 Jahren bei einer gewaltigen Eruption entstand – mehr als tausendmal stärker als der Ausbruch des Mount St. Helens im Jahr 1980.

Nachdem wir uns aufgewärmt hatten, gingen wir wieder hinaus. Der Wind war weiterhin stark, doch die Aussicht war überwältigend. Täler öffneten sich in alle Richtungen, teils weit und schalenförmig, teils scharf eingeschnitten. Die Farben waren zurückhaltend, aber kraftvoll: sattes Grün in den tieferen Lagen, graue und braune Felsflächen darüber und ferne Berge, die im wechselnden Licht von Sonne und Wolken blassblau und weiß erschienen. Wir machten Fotos, darunter eines von uns am Schild mit der Höhenangabe von 3.122 Metern, mit der weiten Landschaft des Yellowstone im Hintergrund.


Galerie III – Auf dem Gipfel des Mount Washburn


Der Abstieg verlief ruhiger. Der Wind ließ nicht nach, und die Luft blieb kühl, doch wir hatten Zeit, die Landschaft noch einmal bewusst aufzunehmen. Die Täler wirkten tiefer, die Berge massiver, ihre Formen klarer, während sich der Weg langsam zurück ins Tal schlängelte. Es war eine anstrengende Wanderung, durch das Wetter noch verschärft, aber sie war jede Mühe wert. Der Mount Washburn hatte uns Yellowstone in all seinen Stimmungen gezeigt – von sonniger Weite bis zu rauer alpiner Wildheit – und bleibt ein Ort, der lange im Gedächtnis bleibt.

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