Unser Abenteuer beginnt in Rodi-Fiesso. Gemeinsam mit meiner Frau Hania, meinem Sohn Simon, meiner Schwägerin Basia und ihrer Tochter Anja steige ich in die kleine Seilbahn, die uns steil nach oben katapultiert. Als wir die Bergstation verlassen, liegt er vor uns: der Lago Tremorgio. Der tiefblaue Wasserspiegel ruht wie ein Saphir in einem gewaltigen geologischen Kessel. Rundherum baut sich eine überwältigende Arena aus Stein auf. Im Hintergrund ragen die wilden Gipfelketten des Pizzo della Sassada und des Poncione di Tremorgio empor, deren schroffe Flanken im harten Sonnenlicht fast silbern schimmern. Auf der gegenüberliegenden, nordöstlichen Seite des Sees zieht der markante Grat des Pizzo Campolungo unsere Blicke magisch an. Direkt über dem Ufer schiessen zackenförmige Berggipfel und Felstürme in den stahlblauen Himmel. Besonders der Pizzo del Prévat beeindruckt uns sofort als freistehender, kühner Felsturm, während sich die Cima di Filo als langgezogener, schützender Kamm über der Capanna Tremorgio erhebt.
Während die anderen sich am Ufer ausruhen, schnüren Basia und ich die Wanderstiefel fester. Unser Ziel ist der höher gelegene Laghetto di Campolungo. Der Pfad windet sich unaufhaltsam nach oben. Jeder Höhenmeter belohnt uns mit neuen Perspektiven. Immer wieder halten wir inne, um den Blick zurückzuschweifen zu lassen. Tief unter uns funkelt das Auge des Sees, eingerahmt von der scharfen Silhouette der Cima di Filo und dem allgegenwärtigen Prévat-Turm.
Galerie 1: Aufstieg über dem Tremorgio-Kessel
Nach einem letzten steilen Teilstück öffnet sich die Landschaft auf rund 2086 Metern über dem Meeresspiegel. Wir haben die moorige Hochebene der Alpe Campolungo erreicht, in deren Mitte der verträumte Laghetto di Campolungo liegt. Ein kurzes Stück gehen wir hinab ans Wasser – diese herrliche Strecke war jeden Schritt wert. Von hier unten wirken die Berge der Region perfekt arrangiert. Links ragen die schroffen Zacken des Pizzo del Prévat empor, der aufgrund seiner markanten Pyramidenform völlig zu Recht als „Matterhorn des Südens“ betitelt wird. Auf der rechten Seite dominiert die breite, helle Flanke des Pizzo Campolungo. Hier treten die weltberühmten, schneeweissen Formationen aus zuckerartigem Dolomit-Gestein deutlich hervor und leuchten regelrecht im Kontrast zum saftigen Grün der Almwiesen.
Wir entscheiden uns, nicht direkt über den Pass zu gehen. Stattdessen kehren wir zur Kreuzung auf der Hochebene zurück und halten auf die Capanna Leìt zu. Beim Blick zurück nach Nordosten präsentiert sich uns der Bergrücken der Cima di Filo in seiner vollen Pracht. Die felsige Krete zieht sich elegant oberhalb des Sees entlang und verbindet die Passregion mit dem tieferen Becken, flankiert von der spitzen Nadel des Prévat auf der linken Seite. Weiter wandern wir in Richtung des Lago di Leìt. Vor uns bauen sich zwei markante Zwillingsgipfel auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten: links der felsige Doppelzahn der Prévat-Nordostkante, ein Traum für jeden Alpinkletterer, und rechts der grasbewachsene, spitze Pyramidengipfel des Pizzo Campolungo. Am Fuße dieser Riesen entdecken wir schliesslich die kleine, steinerne Capanna Leìt, an deren Vordergrund der muntere Abfluss des nahen Bergsees vorbeirauscht.
Ein Blick nach Norden öffnet das Panorama weit über das tief liegende Leventinatal hinweg. Am Horizont bauen sich die Riesen der Gotthard-Gruppe auf. Als mächtiger Aussichtsberg thront der spitze Pizzo Forno über dem Tal, während sich links davon der Gratverlauf weiter westwärts in Richtung des Gotthard-Massivs und der Campo-Tencia-Gruppe verliert.
Galerie 2: Von der Hochebene zu den Gletscherschliffen
Wir setzen unseren Weg fort. Nach etwa fünfzehn Minuten auf dem Wanderweg im Bereich der Alpe Leìt geniessen wir denselben beeindruckenden Blick nach Norden in einer noch intensiveren Perspektive. Unten links mäandert der Bergbach, welcher den Abfluss des Lago di Leìt bildet, in weiten Schleifen hinab zur Alpe Campolungo. Die rechte Talflanke wird vom steilen, grasbewachsenen Hang der Cima di Filo gebildet, während links der grüne Hang hinauf zum steinernen Grat des Pizzo del Prévat führt. Am Horizont dominiert unverändert die dunkle, majestätische Pyramide des Pizzo Forno.
Unser Weg führt uns weiter bis zur schroffen Nordostkante des Pizzo del Prévat. Rechter Hand schliesst eine gewaltige Bergkette südlich der Alpe Campolungo das Tal ab. Spontan beschliessen wir einen kurzen, knackigen Abstecher, der uns weiter hinauf führt. Die Mühe des Aufstiegs ist schnell vergessen, als sich der Blick auf zwei neue Gipfel öffnet: den dunklen Felszahn des Pizzo Meda [1] und den pyramidenförmigen Hauptgipfel des Pizzo di Mezzodì [1]. Hier zeigt sich die geologische Besonderheit der Region in ihrer ganzen Faszination. Ein leuchtend weisses Band schneidet quer durch den Berghang – der berühmte Campolungo-Dolomitmarmor. Dieses weiche, zuckrige Gesteinsband zieht sich bis zum Pass und hat wegen seiner unberechenbaren Beschaffenheit einst den Mineuren beim Bau des Gotthard-Basistunnels schwer zu schaffen gemacht.
Zurück am Ufer des Lago di Leìt erleben wir einen magischen Moment der Stille. Die messerscharfe Felsnadel des Pizzo del Prévat spiegelt sich vollkommen symmetrisch im spiegelglatten, kristallklaren Wasser. Aus dieser extremen Nähe verstehen wir sofort, warum dieser Berg bei Kletterern als „Zuckerspitze“ oder „Matterhorn der Leventina“ berühmt ist. Direkt daneben spiegelt sich auch der zerklüftete, dunkle Grat des Pizzo Campolungo, der sanft zu der kleinen Scharte abfällt, die die beiden ungleichen Bergriesen voneinander trennt.
Galerie 3: Geologische Wunder und Bergseen im Tessin
Die Hochebene ist nun fast erreicht und die Schritte werden leichter. Auf der linken Seite taucht das solide Hauptgebäude der Berghütte Capanna Leìt der SAT Ritom auf. Die schützende Unterkunft liegt nur noch wenige Schritte vor uns und verspricht eine wohlverdiente Rast. Während wir uns der Hütte nähern, ragt ganz rechts noch einmal der unverkennbare Felsturm des Pizzo del Prévat majestätisch auf, als wolle er uns verabschieden. Im Hintergrund bildet die zerklüftete Kette im Zentrum den mächtigen Grat des Pizzo Campolungo. Wer ganz genau hinsieht, kann weiter oben auf einem exponierten Felskopf eine kleine, rot-weisse Schweizerflagge erkennen, die stolz im frischen Bergwind flattert.
Galerie 4: Ankunft an der Capanna Leìt
Von der Capanna Leìt kehren wir zurück zum Passo di Vanit und wenden uns nach Südwesten. Ein alpiner Steig führt uns nun unaufhaltsam hinab in das wilde, ursprüngliche Val Lavizzara – ein tief eingeschnittenes Seitental des Maggiatals, an dessen Ende das Bergdorf Fusio auf uns wartet. Der Weg führt uns unmittelbar am berühmten, blendend weissen Campolungo-Zuckerdolomit entlang. Der weiche, kalkige Stein knirscht leise unter unseren Sohlen und reflektiert das Sonnenlicht so intensiv, dass es in den Augen brennt. Im Hintergrund baut sich die gewaltige Gipfelkette auf, die als natürliche Barriere das Valle Leventina vom Val Lavizzara trennt. Allen voran dominiert der direkt südlich anschliessende, geologisch hochkomplexe Pizzo Campolungo mit seinen 2713 Metern Höhe, flankiert von den wilden, unnahbaren Felszacken rund um den Corona di Redorta.
Als wir die ersten steilen Kehren hinter uns gelassen haben und tiefer in das Hochtal eintauchen, halten wir noch einmal inne und drehen uns um. Aus dieser tieferen Perspektive offenbart der Passo Campolungo auf 2318 Metern seine ganze landschaftliche Dramatik. Die markante Einsattelung im Zentrum, die den eigentlichen Übergang bildet, zieht die Blicke magisch an. Auf der linken Seite baut sich eine steil aufragende Flanke mit schroffen, dunklen Felsbändern auf. Ihr steht die rechte Flanke gegenüber, die von saftig grünen Bergwiesen geprägt ist – ein sanfter Teppich, der jedoch abrupt von breiten, blendend weissen Adern des Zuckerdolomits durchbrochen wird. Hier unten weicht die karge, hochalpine Steinwüste langsam einer sanfteren Vegetation: Die Hänge sind dicht mit hellgrünen Lärchenwäldern und alpinen Büschen bewachsen, die so typisch für diesen Übergang der Tessiner Bergwelt sind.
Galerie 5: Der Abstieg ins Val Lavizzara
Wir setzen den langen Marsch in Richtung Fusio fort, während sich uns ein letzter, umfassender Blick auf die felsige Bergkette westlich und nordwestlich des Passes bietet. Ein letztes Mal bewundern wir die schroffen, dunklen Felszacken, die zum Massiv des Pizzo del Prévat gehören und wie düstere Wächter über dem Tal stehen. Direkt daneben schmiegt sich der grasige, von hellen Gesteinsbändern durchzogene Passübergang in die Landschaft, sanft umrahmt von den lichten Lärchenwäldern, deren Nadeln im Nachmittagslicht leuchten.
Schliesslich verändert sich der Untergrund. Der raue, steinige Bergweg weicht einer harten Asphaltstrasse – das sichere Zeichen, dass die Zivilisation uns wiederhat. Nach den vielen Stunden in den Knochen macht sich die Müdigkeit nun schwer und unerbittlich breit. Unsere Schritte werden langsamer, und die Aufmerksamkeit für die eigentlich so herrliche Landschaft schwindet mit jedem Meter, den wir auf dem harten Belag zurücklegen. Als das leise Summen eines Motors näher kommt, siegt die Erschöpfung über den Wanderstolz: Wir strecken spontan den Daumen aus.
Zu unserem grossen Glück bremst der Wagen ab. Ein unglaublich freundlicher Italiener kurbelt das Fenster herunter, winkt uns lachend hinein und nimmt uns das letzte Stück des Weges mit. Als wir schliesslich in Fusio ankommen, die Rucksäcke in den Kofferraum unseres eigenen Autos werfen und die müden Beine ausstrecken, fällt eine tiefe Zufriedenheit von uns ab. Auf der Fahrt zu unserer Unterkunft lassen wir den Tag Revue passieren. In unseren Erinnerungen bleibt eine absolut herrliche, geologisch einzigartige Hochtour, aber auch das Bewusstsein über die Anstrengung, die sie uns gekostet hat – und natürlich das breite Lächeln des hilfsbereiten Autofahrers, der diesem perfekten Bergtag das passende Finale verliehen hat.



















