Der Morgen bricht klar und frostig an, als wir uns auf den Weg in Richtung Deer Mountain machen. Die Fahrt führt uns immer tiefer in das Herz des Nationalparks, und hinter jeder Kurve scheint sich ein neues, noch gewaltigeres Panorama zu öffnen. Die Luft ist so rein, dass die Konturen der Berge fast unnatürlich scharf gegen den blauen Himmel gezeichnet sind. Wir halten immer wieder inne, um diese monumentale Stille und die beeindruckenden Formen der Continental Divide festzuhalten.
Besonders fasziniert uns die Gegend um das Tyndall-Kar. Von weitem wirkt es wie ein gewaltiges, in den Fels gehauenes Amphitheater. Schon auf der Anfahrt zum Nationalpark zieht die Kulisse uns in ihren Bann. Rechts erkennen wir den zerklüfteten Notchtop Mountain, dessen markante Kerbe wie ein Einschnitt in der Zeit wirkt. Direkt daneben schließt sich der flache Rücken des Flattop Mountain an, der in seiner vollkommenen Horizontale einen Ruhepol im Meer der Zacken bildet. Dann folgt der schroffe Hallett Peak, dessen steile Wände fast senkrecht in die Tiefe stürzen, gefolgt vom leuchtenden Band des Tyndall Glacier. Weiter südlich setzen der Otis Peak und die massiven Taylor Peaks diese unendliche Kette aus Eis und Stein fort.
Auf dem Parkplatz des Deer Mountain angekommen, bemerken wir sofort, dass die Sonne heute für Fotos deutlich besser steht als gestern. Ein absolutes Highlight dieser Reise zeigt sich uns hier in voller Pracht: Der majestätische Longs Peak thront wie ein König über seinem Reich. Seine tief verschneiten Flanken glänzen in der hellen Aprilsonne wie polierter Marmor, und die Schatten in den tiefen Rinnen verleihen dem Massiv eine plastische Tiefe. Direkt daneben führt der tiefe Bergrücken von The Loft den Blick hinüber zum stolzen Mount Meeker. Es ist eine Landschaft, die keine Worte braucht, um ihre Erhabenheit zu beweisen – wir stehen dort, atmen die kalte Gebirgsluft und spüren die zeitlose Kraft dieser Giganten.
Galerie I: Die schneebedeckte Krone der Rocky Mountains
Wir packen unsere Rucksäcke und gehen los. Kaum haben wir die ersten hundert Meter auf dem Trail zum Deer Mountain zurückgelegt, zwingt uns die Natur bereits zu einem ersten, ehrfürchtigen Halt. Wir haben den dichten Waldrand gerade erst hinter uns gelassen, als sich der Blick nach Westen öffnet und uns ein Panorama offenbart, das uns den Atem raubt. Es ist, als hätte die Erde hier ihr Innerstes nach außen gekehrt.
Direkt vor uns, tief in das Herz der Bergwelt eingeschnitten, zeigt sich eine Formation, die unsere Fantasie sofort beflügelt: Unterhalb der mächtigen Gipfel scheinen zwei gewaltige Felsrücken wie das offene Maul eines riesigen Tieres auseinanderzuklaffen. Der „obere Kiefer“ wird durch die gezackten Grate des Notchtop Mountain gebildet, dessen schroffe Spitzen wie versteinerte Zähne in den blauen Aprilhimmel ragen. Den „unteren Kiefer“ bildet der Ausläufer des Flattop Mountain, und dazwischen öffnet sich der dunkle, geheimnisvolle Schlund des Tyndall-Kars, in dem der ewige Schnee wie ein helles Leuchten verweilt.
Dahinter reihen sich die Giganten der Kontinentalscheide wie schlafende Wächter aneinander. Ganz rechts thront der Flattop Mountain mit seinem schier endlosen, schneeweißen Plateau – eine vollkommene Ebene inmitten des alpinen Chaos. Direkt daneben ragt der Hallett Peak als wuchtiger, dunkler Felsklotz auf, dessen fast senkrechte Wände einen dramatischen Kontrast zum weichen Weiß der Schneefelder bilden. Weiter links setzen der Otis Peak und der massiv aufragende Taylor Peak diese Kette aus Eis und Stein fort. Alles an dieser Szenerie wirkt monumental und unnahbar, und doch stehen wir hier und dürfen Teil dieses Augenblicks sein.
Galerie II: Das Erwachen der Bergriesen
Während wir weiter aufsteigen, bietet der Trail eine weitere faszinierende Besonderheit: Unser Blick wandert immer wieder zur gegenüberliegenden, nördlichen Talseite. Dort erhebt sich die Mummy Range, die mit ihren breiten, schneebedeckten Rücken eine fast sanfte, aber dennoch überwältigende Präsenz ausstrahlt. Besonders markant sticht das Trio der sogenannten „CCY-Gipfel“ hervor, die wie aufgereiht vor uns liegen.
Ganz links reckt sich der Mount Chapin in die Höhe, gefolgt vom massiven Mount Chiquita in der Mitte, der bereits die stolze 13.000-Fuß-Marke knackt. Den krönenden Abschluss zur Rechten bildet der Ypsilon Mountain. Selbst aus der Ferne lässt sich die namensgebende, Y-förmige Einkerbung in seinen steilen Flanken erahnen, die tief mit frischem Aprilschnee gefüllt ist. Diese Berge wirken im weichen Licht des Vormittags fast wie aus weißem Porzellan geformt, während die dunklen Nadelwälder an ihren Füßen einen tiefgrünen Kontrast dazu bilden. Es ist ein ständiges Wechselspiel der Perspektiven: Hinter uns die schroffen Zacken der Continental Divide und vor uns die erhabene Ruhe der Mummy Range.
Galerie III: Der Blick zur Mummy Range
Nach etwa 1,5 Meilen entscheiden wir uns zur Umkehr, da wir heute noch weitere Pfade erkunden möchten. Unser Weg führt uns tiefer in den Park zum Parkplatz des Cub Lake Trail. Von hier aus schweift unser Blick weit nach Westen, hinein in die tiefen Einschnitte des Forest Canyons und hin zu den fernen Gipfeln der Continental Divide. Im unmittelbaren Vordergrund erhebt sich der bewaldete Rücken des Bighorn Mountain, der fast vollständig schneefrei dem Frühling trotzt. Links davon thront dominant der schneebedeckte Stones Peak, während am fernen Ende des Tals der Terra Tomah Mountain über der Szenerie wacht. Zur Rechten vervollständigt der massivere, weiß leuchtende Gipfel des Mount Julian dieses alpine Gemälde. Zwischen diesen Riesen liegt der tief eingeschnittene Forest Canyon, durch dessen Sohle sich der Big Thompson River seinen Weg bahnt.
Wir wandern etwa eine Meile in diese Stille hinein und werden Zeugen eines kleinen alpinen Dramas. Ein Murmeltier und zwei Greifvögel kreuzen unseren Weg. Wir lassen uns nieder und beobachten gebannt, wie das Murmeltier mit erstaunlicher Geschwindigkeit zum Eingang seines Baus flitzt und gellende Warnrufe ausstößt. Die Greifvögel kreisen geduldig, geben aber schließlich auf und ziehen weiter. Kaum ist die Gefahr vorüber, beginnt das Murmeltier wieder friedlich zu grasen – auch wenn es die Sicherheit seines Baus im Auge behält und immer wieder neugierig zu uns herüberlinst. Nach einer Viertelstunde raffen wir uns auf und machen uns auf den Rückweg zum Wagen.
Galerie IV: Begegnungen am Forest Canyon
Die Reise geht weiter in Richtung des Trails zum „Pool“, doch die Straße ist bereits nach einer halben Meile gesperrt. Beim Aussteigen erleben wir eine unerwartete Überraschung: Oberhalb des Parkplatzes stolzieren zwei Pfaue durch das Gelände. Die ersten 0,7 Meilen müssen wir auf der staubigen Straße zurücklegen, bevor wir endlich den eigentlichen Trail erreichen und den Staub hinter uns lassen. Der Weg führt uns durch einen Wald, der gezeichnet ist; ein großes Feuer hat hier vor Jahren gewütet. Zwischen den silbrigen Skeletten der toten Bäume stehen vereinzelt grüne Überlebende, und der Nachwuchs drängt bereits kräftig mit einer Höhe von bis zu zwei Metern ans Licht – ein hoffnungsvoller Anblick inmitten der Zerstörung.
Die Aussicht ist hier weniger spektakulär, und nach kurzer Zeit entfernt sich der Pfad vom Big Thompson River. Das Wetter schlägt nun endgültig um; leichte Regenschauer wechseln sich ab, und über dem Terra Tomah Mountain ballen sich bedrohlich dunkle Wolken zusammen. Als der Regen stärker wird und die Orientierung ohne Handynetz schwierig wird, entscheiden wir uns schweren Herzens zur Umkehr. Erst als wir wieder Empfang haben, bemerken wir, dass wir wohl kurz vor dem Ziel am Windy Gulch waren. Fast spöttisch bricht nun die Sonne wieder durch die Wolken – das Wetterglück ist uns heute wahrlich nicht hold.
Galerie V: Zwischen Asche und neuem Leben
Zum Abschluss des Tages steuern wir den Sprague Lake an. Kaum ist der Motor abgestellt, prasselt der Regen erneut auf das Autodach. Wir lassen uns nicht entmutigen und warten etwas ab. Als es nach ein paar Minuten nur noch leicht regnete, wagten wir uns zu einem Spaziergang am rechten Seeufer. Doch ein kalter Wind treibt uns bald zurück. Plötzlich wechselt der leichte Regen in leichten Hagel. Der April zeigt uns heute seine ungemütliche Seite. Trotz der Wetterkapriolen und der abgebrochenen Wanderungen nehmen wir Bilder und Erlebnisse mit nach Hause, die uns noch lange in Erinnerung bleiben werden – von der rauen Gewalt der Berge bis zum mutigen kleinen Murmeltier.






















