Es ist ein kühler Morgen, als ich Silverton den Rücken kehre. Vor mir liegt nicht einfach nur eine Straße, sondern eine Legende: der Million Dollar Highway. Dieses Teilstück des US Highway 550, das sich über 25 Meilen bis nach Ouray windet, ist ein technisches Meisterwerk, das in den 1880er Jahren von Otto Mears buchstäblich in die vertikalen Felswände gesprengt wurde. Ob der Name nun auf die astronomischen Baukosten, das Golderz im Straßenbett oder schlicht auf die unbezahlbare Aussicht zurückzuführen ist, spielt keine Rolle mehr, sobald man am Steuer sitzt. Die Leitplanken verschwinden, und die Straße schmiegt sich wie ein schmales, graues Band an die Klippen, während der Abgrund nur Zentimeter neben den Reifen gähnt.
Schon kurz nach dem Start fordern die Giganten der San Juan Mountains meine volle Aufmerksamkeit. Der Bear Mountain ragt in perfekter Pyramidenform empor, sein Gipfel noch tief im ewigen Weiß versunken, während der massive Abrams Mountain wie ein unbezwingbarer Wächter daneben thront. Mein Blick bleibt jedoch am gezackten Profil des Ulysses S. Grant Peak hängen. Die schroffen Felszinnen wirken wie die Zähne eines Raubtiers gegen den stahlblauen Himmel. In der Nähe des Ice Lake Basin gelegen, ist dieser Gipfel ein Sehnsuchtsort für Bergsteiger und ein Motiv, das ich einfach festhalten muss.
Galerie I: Der Aufstieg zum Red Mountain Pass
Die Fahrt führt mich tiefer in den Red Mountain Mining District. Hier verändert sich die Szenerie dramatisch. Auf der linken Seite dominiert der Red Mountain No. 3. Er ist der auffälligste des Trios, berühmt für seinen tiefen, oft schneebedeckten Kessel. Die Hänge leuchten in einem fast unwirklichen Orange-Rot – ein Effekt von verwittertem Eisensulfid, dem Pyrit, das hier tief im Gestein schlummert. Rechts davon erstreckt sich der Red Mountain No. 2, dessen gewaltige Schutthalden der gesamten Kette ihren Namen gaben.
Der Weg über den Red Mountain Pass ist ein Drahtseilakt. Während auf der einen Seite der nackte Fels aufragt, bricht das Gelände auf der anderen hunderte Meter tief ab. Keine Leitplanke stört den Blick – eine bewusste Entscheidung, damit die Schneepflüge die gewaltigen Massen im Winter einfach über die Kante schieben können. Jetzt, im April, ist der Kontrast fast berauschend: Das tiefe Oxid-Rot der Hänge prallt auf das blendende Weiß der Schneereste. Hinter einer Kurve taucht plötzlich der Red Mountain No. 1 auf, gefolgt vom McNamee Peak, der das Mineral Creek Valley begrenzt.
Bevor die Straße in die dunklen Windungen der Uncompahgre Gorge eintaucht, weitet sich das Land kurz im Ironton Park. Hier zeigt sich der Abrams Mountain erneut in seiner vollen Pracht, flankiert vom langgestreckten Rücken des Brown Mountain, dessen Hänge von alten Mineneingängen durchlöchert sind wie ein Schweizer Käse. Im Hintergrund wacht der Hayden Mountain über das stille Tal. Der finale Abstieg ist ein Rausch aus Serpentinen, bis ich den Switzerland of America Lookout erreiche. Tief unter mir, eingekesselt von steilen Felswänden, liegt Ouray.
Galerie II: Abstieg in die „Schweiz Amerikas“
Als Schweizer fühle ich mich in Ouray sofort heimisch, auch wenn die Dimensionen hier typisch amerikanisch sind. Ich parke direkt gegenüber dem Beaumont Hotel & Spa. Dieses „Flaggschiff der San Juans“ aus dem Jahr 1886 ist eine architektonische Zeitreise. Mit seiner prunkvollen viktorianischen Fassade und dem markanten Mansarddach strahlt es eine Eleganz aus, die schon Theodore Roosevelt und Herbert Hoover zu schätzen wussten. Es ist ein steinernes Zeugnis des Goldrausches, das heute noch den Geist der Pionierzeit atmet.
Ein paar Schritte weiter steht das Wright Opera House. Die Brüder Ed und George Wright ließen es 1888 erbauen – ein mutiger Versuch, der rauen Bergbaukultur mit Bildung und Theater etwas Glanz entgegenzusetzen. Die kunstvolle Backsteinfassade gilt heute als eines der besterhaltenen Beispiele viktorianischer Architektur in den gesamten Rockies. Gleich daneben zeugt die Ouray Elks Lodge (BPOE) von der langen Tradition der Gemeinde. Das 1904 errichtete Backsteingebäude mit seinen stolzen Bögen ist seit über einem Jahrhundert der soziale Ankerpunkt der Stadt.
Zum Abschluss zieht mich der Duft aus dem Brickhouse 737 an, einem Restaurant, das für seine moderne Farm-to-Table-Küche bekannt ist und den historischen Charme perfekt mit modernem Genuss verbindet.
Galerie X: Historischer Glanz in Ouray
Gerne wäre ich noch in die berühmten heißen Quellen eingetaucht, doch der Himmel über den Gipfeln trübt sich ein. Ab 16 Uhr droht der Schneefall, und ich möchte den Pass hinter mir wissen, bevor die weiße Pracht die Straßen wieder in eine Rutschbahn verwandelt. Ouray bleibt zurück – ein Juwel aus Stein und Geschichte im Herzen der Berge.

















