Sonntag, 12. August 2023
Der Morgen beginnt still und klar in Wengen. Die Luft ist frisch, fast durchsichtig, und über den Dächern liegt ein Licht, das verspricht, ein außergewöhnlicher Tag zu werden. Wir sind früh unterwegs – meine Schwägerin Basia, ihre Tochter Anja, meine Frau Hania, unser Sohn Simon und ich. Das günstige Ticket, das wir uns gesichert haben, fühlt sich wie ein kleiner Triumph an, als wir zum Bahnhof gehen.
Noch bevor wir den Bahnhof erreichen, hebt sich mein Blick wie von selbst – hinauf zu den Bergen. Dort steht sie: die Jungfrau. Breit, ruhig, fast majestätisch entrückt. Ihre gewaltige Nordflanke wirkt aus dieser Perspektive wie eine in Stein und Eis gegossene Wand aus Licht. Rechts daneben das Silberhorn – schärfer gezeichnet, fast elegant, mit einer Kante, die wie mit einem Messer in den Himmel geschnitten scheint.
Dazwischen und darunter lagert das dunkle Schwarzmönch-Massiv. Seine breiten, schattigen Flanken wirken schwer und ruhig, als trüge der Berg selbst einen Mantel aus Fels. Weiter westlich fließt der Rottalgletscher, während die Äbeni Flue mit ihrer weiten, weißen Firnkuppe fast wie ein Gegenpol erscheint – weich, rund, beinahe still.
Schon hier wird mir klar: Diese Berge sind nicht einfach Gipfel. Sie sind Charaktere.

Der Zug setzt sich um 7:46 Uhr in Bewegung und gleitet durch den kühlen Wengwald. Zwischen den Bäumen blitzt das Licht, dann öffnet sich die Landschaft plötzlich – weite Alpwiesen, sattgrün, und darüber die schneebedeckten Flanken der Berge. An der Allmend scheint die Welt größer zu werden.
Die Strecke folgt stellenweise der berühmten Lauberhorn-Abfahrt. Ich erkenne den Hundschopf und das Starthaus – Orte, die im Winter von Geschwindigkeit und Wagnis erzählen, jetzt aber ruhig in der Sommersonne liegen.
Mit jedem Höhenmeter wächst die Präsenz des Eiger. Seine Nordwand sehen wir noch nicht, aber wir spüren sie – diese gewaltige, fast einschüchternde Wand, die sich jenseits unserer Sicht erhebt. Auf der Kleine Scheidegg stehen wir schließlich mitten in diesem steinernen Amphitheater. Hier wirken die Berge nicht mehr fern – sie stehen direkt vor uns, groß, ernst, überwältigend.
Galerie I: Der erste Blick: Wengen und das Hochgebirge im Morgenlicht
Wir steigen um und fahren weiter Richtung Jungfraujoch. Beim Eigergletscher verändert sich die Welt erneut. Fels wird zu Eis, Farben werden reduziert: Weiß, Grau, Blau. Kurz darauf verschluckt uns der Tunnel – sieben Kilometer durch das Innere der Berge.
Ein kurzer Halt an der Station Eismeer. Ich trete an das Panoramafenster. Vor mir liegt ein zerklüftetes Meer aus Eis – still, lebensfeindlich und gleichzeitig von einer überwältigenden Schönheit.
Galerie II: – Aufstieg durch Wiesen, Fels und Eis
Als wir schließlich das Jungfraujoch erreichen, fühlt es sich an, als hätten wir eine andere Welt betreten. „Top of Europe“ – selten hat ein Name so gut gepasst.
Von der Sphinx-Aussichtsplattform öffnet sich der Blick auf den gewaltigen Aletschgletscher. Er zieht sich wie ein gefrorener Strom durch die Landschaft, scheinbar ohne Ende. Links erhebt sich der Mönch mit seinem Südgrat – scharf, fast streng. Dahinter bauen sich Trugberg und die Fiescherhörner auf, wie eine dunkle Mauer im Eis. Rechts begrenzt die Jungfrau das Panorama, ihre Flanken breit und von Schnee überzogen, fast leuchtend.
Weiter unten liegt das Grünegg – ein erstaunlicher Kontrast. Ein Felsrücken mit tatsächlichem Grün, mitten in dieser weißen Welt. Dahinter die Grünhorn-Gruppe, mit dem Groß Grünhorn als dominanter, formschöner Gipfel.
Galerie III: Blick nach Süden – Das Hochgebirge am Jungfraujoch: Eisströme und Viertausender
Auf der Nordseite der Plattform verändert sich die Perspektive erneut. Tief unten liegt die Kleine Scheidegg, winzig geworden. Dahinter zieht sich der grüne Rücken des Männlichen, der die Täler trennt. In der Ferne erkenne ich sogar Interlaken, eingebettet zwischen Seen und Bergen.
Galerie IV – Blick nach Norden: Täler, Licht und Tiefe
Wir wagen uns hinaus in den Schnee Richtung Mönchsjochhütte. Jeder Schritt kostet Kraft. Der Schnee gibt nach, obwohl der Weg präpariert ist. Ich frage mich unwillkürlich, wie es Bergsteiger schaffen, sich hier durch Tiefschnee zu kämpfen.
Zurück am Fun Park lachen Simon und Anja, während sie in die Tiefe sausen. Kurz darauf lässt sich auch Hania mitreißen. Basia und ich bleiben sitzen, beobachten – und genießen diesen Moment zwischen Himmel und Eis.
Später stehen wir auf dem Plateau unterhalb der Jungfrau. Der Blick ist direkt, unverstellt. Der Berg wirkt hier nicht nur groß – er wirkt lebendig.
Galerie V – Plateau und Erlebnisse im Schnee
Der Eispalast bildet den stillen Abschluss unseres Aufenthalts. In den glatten Gängen spiegelt sich das Licht, und die kunstvollen Figuren erinnern mich sofort an das Salzbergwerk von Wieliczka. Auch hier hat der Mensch im Inneren der Erde etwas Magisches geschaffen.
Galerie VI– Der Eispalast: Kunst und Stille im Inneren des Berges
Der Rückweg beginnt mit einem Entschluss: Basia und ich wollen zu Fuß gehen. Der Weg von der Kleinen Scheidegg hinunter ist ruhig, fast meditativ. Über uns die Berge, unter uns das Tal.
Der Blick öffnet sich auf das Lauterbrunnental, und gegenüber liegt Mürren wie auf eine Bühne gesetzt, hoch über den Felsen.
Kühe kreuzen unseren Weg, ruhig und unbeirrt. Basia bleibt lieber hinter mir – ich übernehme die Führung. Der Weg zieht sich, die Müdigkeit wächst. Als wir die Wegweiser sehen, fällt die Entscheidung leicht: Wir nehmen die Bahn ab Wengernalp.
Galerie VII– Abstieg: Zwischen Wiesen, Kühen und großen Blicken
Die letzten Minuten zurück nach Wengen vergehen schnell. Als wir aussteigen, ist der Tag noch immer von Licht erfüllt.
Und ich weiß, während ich noch einmal zu den Gipfeln hinaufblicke: Das war nicht einfach ein Ausflug. Es war ein Tag, der bleibt.





































