Unser Morgen beginnt auf einem der spektakulärsten Abschnitte des Highway 12. Unser Ziel ist der Parkplatz zu den Upper Calf Creek Falls, wo unser Abenteuer in die Tiefe startet. Schon beim ersten Schritt auf den Pfad empfängt uns eine surreale Landschaft: Wir steigen einen steilen Hang aus hellem Navajo-Sandstein hinab, der wie ein erstarrtes Meer aus Wellen unter unseren Füßen liegt. Das Besondere sind die dunklen, fast schwarzen Basalt-Findlinge, die hier überall verstreut liegen wie vergessene Murmeln eines Riesen. Sie erzählen eine Jahrmillionen alte Geschichte; ursprünglich stammen diese vulkanischen Zeugen vom nördlich gelegenen Boulder Mountain und wurden durch die unbändige Kraft von Erosion und Wasser bis hierher transportiert.
Wir wandern weiter über den nackten Fels, den sogenannten Slickrock. Es erfordert Konzentration, auf den rundlichen Basalt-Brocken nicht den Halt zu verlieren, doch der Ausblick entschädigt uns für jede Mühe. Zwischen den harten Steinen krallen sich Pinyon-Kiefern und Wacholderbäume in kleinste Felsspalten – wahre Überlebenskünstler in dieser trockenen Pracht. Vor uns entfaltet sich das weitläufige Slickrock-Labyrinth oberhalb der Wasserfälle in Farben, die von blendendem Weiß bis zu sanftem Ocker reichen.
Galerie I: Spuren der Urzeit im Slickrock
Während wir tiefer in den Canyon vordringen, fällt uns die unerwartet reiche Vegetation auf. Der absolute Star am Wegesrand ist der Claret Cup Kaktus. Seine leuchtend scharlachroten, kelchförmigen Blüten bilden einen fast unwirklichen Kontrast zum grauen Fels. Wir halten kurz inne und hoffen, einen der Kolibris zu entdecken, die von diesem Rot magisch angezogen werden. Überall begegnen wir auch dem Mormonentee mit seinen besenartigen, grünen Zweigen, die im Alter einen gelblichen Ton annehmen – ein Kraut, das schon den frühen Siedlern als heilkräftiger Trank diente.
Schließlich erreichen wir den Talboden. Wir setzen uns erschöpft, aber glücklich auf einen warmen Stein und lassen die Umgebung auf uns wirken. Nur ein kurzes Stück weiter öffnet sich das Versteck: Der Wasserfall stürzt in ein kühles, schimmerndes Becken, das von hohen Sandsteinwänden schützend eingerahmt wird.
Galerie II: Die verborgene Oase des Calf Creek
Der Rückweg erweist sich als deutlich anstrengender als der Abstieg. Die steile Neigung des Sandsteins fordert unsere Ausdauer, doch wir nutzen die notwendigen Atempausen, um die Details der Flora noch einmal genau zu studieren. Jede blühende Kaktee und jede knorrige Pinie scheint uns nun wie ein kleines Wunder der Natur.
Galerie III: Überlebenskünstler am Steilhang
Nach einer kurzen Erholungspause in unserem Hotel, dem Rim Rock Inn, zieht es uns gegen 17:30 Uhr wieder hinaus. Wir fahren zum Sunset Point im Capitol Reef National Park. Der Himmel ist zunächst enttäuschend grau, die Sonne versteckt sich hartnäckig hinter einer dichten Wolkendecke. Doch wir lassen uns nicht abschrecken. Und tatsächlich geschieht das kleine Wunder: Kurz bevor keiner mehr an einen Sonnenuntergang glaubt, stiehlt sich die Sonne unter den Wolken hervor und beginnt ihr tägliches Meisterwerk.
Hier am Sunset Point schauen wir nicht direkt in den Untergang, sondern werden Zeuge, wie die gegenüberliegende Waterpocket Fold entflammt. Zuerst sehen wir, wie die weißen Spitzen der Navajo-Formation im Nordosten angestrahlt werden. Sie leuchten in einem zarten Rosa und Weiß, das an die Marmorkuppeln in Washington erinnert. Dann wandert das Licht tiefer zu den gelblichen Klippen der Kayenta-Formation, bis schließlich der massive Wingate-Sandstein der „Fluted Cliffs“ in einem tiefen, fast blutigen Rot-Orange aufleuchtet.
Am fernen Horizont erscheinen die bläulichen Silhouetten der Henry Mountains mit dem Mount Ellen, während näher bei uns die goldenen Navajo-Kuppeln von Fern’s Nipple und der plateauartigen Pectols Pyramid um die Wette strahlen. Tief unten im Schatten markiert das satte Grün der Bäume den geheimen Lauf des Sulphur Creek.
Galerie IV: Das Glühen der Waterpocket Fold
Völlig berauscht von diesen Farben machen wir uns auf den Rückweg zum Parkplatz. Doch das Spektakel ist noch nicht vorbei. Über dem Gooseneck Overlook brennt der Himmel nun in Violett- und Orangetönen, ein letztes dramatisches Aufbäumen des Tages, das uns einfach hingerissen sein lässt. Es ist der perfekte Abschluss eines Tages, der von der Stille des weißen Sandsteins bis zum Feuer des Abendhimmels alles bot.
Galerie V: Abschied im Himmelsfeuer



















