Granit, Gletscher und das Blau der Stauseen: Ein Tag am Grimselpass

Es ist Mittwoch, der 15. August 2023. Die Luft ist klar, als wir, meine Schwägerin Basia, ihre Tochter Anja, meine Frau Hania und ich die Aareschlucht bei Innertkirchen hinter uns lassen und die Reifen unseres Wagens die ersten Kehren der Grimselpassstrasse greifen. Es ist eine Fahrt in eine andere Welt – weg vom satten Grün des Tals, hinein in die schroffe, ehrwürdige Welt des Hochgebirges.

Die Strasse windet sich wie ein graues Band entlang des Guttannen-Massivs nach oben. Schon bald schimmert uns das erste tiefe Blau entgegen: der Räterichsbodensee. Die Landschaft hier oben ist so gewaltig, dass sie uns förmlich zum Anhalten zwingt. Wir steigen aus, und die Stille der Berge, nur unterbrochen vom fernen Rauschen der Wasserfälle, umhüllt uns sofort.

Galerie I: Wo der Fels den Himmel berührt

Wir fahren weiter, höher hinauf, bis wir den Parkplatz unterhalb des Hotels Alpenrösli erreichen. Hier oben, an der Grenze zwischen Bern und dem Wallis, verändert sich das Licht. Es wirkt goldener, während die Schatten der Berge tiefer fallen. Vor uns liegt der Totensee, eingebettet in eine karge, fast mystische Hochlandschaft.

Der Wanderweg rund um den See, kaum 2,3 Kilometer lang, wirkt so einladend, dass wir nicht widerstehen können. Wir schultern unsere Rucksäcke und wandern los. Nach etwa zwanzig Minuten suchen wir uns ein Plätzchen für ein Picknick. Wir sind nicht allein; hier und da sitzen andere Wanderer im Gras, doch die Weite der Landschaft schluckt jedes Geräusch.

Galerie II: Picknick am Ufer der Stille

Der Blick nach Osten wird vom Sidelhorn eingerahmt, während im Westen das Aarmassiv thront. Das Oberaarhorn glänzt mit seinen gewaltigen Gletscherflächen so hell, dass es fast blendet. Rechts davon zieht sich eine filigrane, fast zerbrechlich wirkende Kette aus Felsnadeln und scharfen Zacken dahin – die Studerhörner und die Finsteraarhorn-Gruppe. Es sieht aus, als hätte ein Bildhauer mit feinstem Meissel den Grat in den Himmel gezeichnet.

Obwohl wir nun schon seit 25 Jahren in der Schweiz leben, sind es genau diese Momente, die uns sprachlos machen. Wir entdecken immer wieder neue Facetten dieser Heimat. Wir folgen dem Pfad weiter am Ufer entlang, geniessen das Glitzern der kleinen Insel mit ihrer Steinskulptur. Kurz keimt Unsicherheit auf: Führt der Weg wirklich ganz herum? Doch die Neugier siegt. Am Damm führt uns der Pfad ein Stück hinunter, nur um uns auf der anderen Seite wieder sanft hinaufzuführen.

Galerie III: Zwischen Staumauern und Gipfelglück

Während die anderen noch in die Welt der Murmeltiere eintauchen, mache ich mich allein auf den Weg, um das Auto zu holen. Es ist einer dieser Momente der Stille, in denen man die raue Schönheit der Grimsel noch einmal ganz für sich hat. Der Blick zurück ins Tal ist berauschend; die Strasse wirkt von hier oben wie eine filigrane Skulptur im Fels.

Galerie IV: Abschied vom Totensee

Das Spiel aus Licht, dem grauen Granit und dem tiefen Blau der Seen begleitet uns bis zum Schluss. Der Grimselpass hat uns heute wieder einmal gezeigt, dass die schönsten Geschichten oft dort geschrieben werden, wo die Strasse endet und der Berg beginnt.

Von Dampfrossen und fernen Riesen: Über den Nufenen ins Tessin

Nachdem ich meine Gefährten wieder eingesammelt habe, verabschieden wir uns vom majestätischen Aarmassiv. Die Strasse stürzt nun förmlich in die Tiefe. In engen Kehren, dicht entlang an senkrechten Granitwänden, führt uns der Weg hinunter nach Gletsch. Dort, wo die Rhone noch ein junger Wildbach ist, wartet ein technisches Juwel auf uns.

Wie durch ein Zeitfenster erblicken wir eine der legendären Dampflokomotiven der Furka-Bergstrecke. Ob es die „Furkahorn“ oder die Nr. 4 ist – diese stählernen Zeugen der Eisenbahngeschichte sind das Herzstück der Strecke zwischen Realp und Oberwald. Dass einige dieser Maschinen, wie die HG 4/4, nach Jahrzehnten im fernen Vietnam in jahrelanger Kleinarbeit restauriert wurden, verleiht diesem Ort eine fast ehrfürchtige Atmosphäre.

Galerie V: Nostalgie in Gletsch

Doch unsere Reise führt uns weiter. Wir biegen rechts ab, lassen das Obergoms hinter uns und nehmen den Anstieg zum Nufenenpass in Angriff. Es ist der Übergang ins Tessin, und erneut löst ein Panorama das nächste ab.

Nach etwa 25 Minuten Fahrt taucht links ein ganz besonderer Berg auf: das Grieshorn. Mit seiner markanten Pyramidenform und der tiefen Stufe in der Stirnseite wirkt er, als sei er nach rechts unten abgesunken. Nur zehn Minuten später weitet sich der Blick erneut. In der Ferne am Horizont erscheint eine langgezogene Kette aus Eis und Schnee – die Mischabelgruppe mit ihren stolzen Viertausendern grüsst uns aus dem Wallis.

Galerie VI: Gipfelstürmer im Vorbeifahren

Sobald wir die Passhöhe des Nufenen überquert haben, ändert sich die Welt schlagartig. Die Luft wird milder, das Licht weicher. In zügiger Fahrt geht es hinunter Richtung Bellinzona. Unser Ziel ist Roveredo, wo unsere Ferienwohnung auf uns wartet – der perfekte Ort, um die Eindrücke dieses gewaltigen Tages zwischen Bern, Wallis und Tessin Revue passieren zu lassen.

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