Aufwachen im grünen Herzen von Bilbao

9. September 2022

Der Morgen in Bilbao beginnt mit einem ganz besonderen Licht. Als ich das Fenster öffne, strömt mir die kühle, saubere Luft des Baskenlandes entgegen. Die Stadt, von den Einheimischen liebevoll „El Botxo“ – das Loch oder die Mulde – genannt, liegt eingebettet in ein tiefes, enges Tal. Es ist faszinierend zu sehen, wie die urbane Avantgarde hier nahtlos in eine gewaltige Naturkulisse übergeht.

Wohin man blickt, rahmen die mächtigen, sanft geschwungenen Berge die Stadt ein. Heute Morgen glänzen die Hänge des Monte Artxanda und des Monte Pagasarri in unzähligen Nuancen von tiefem Smaragdgrün bis hin zu einem sanften, fast silbrigen Moosgrün, das typisch für das feuchte Klima des „Grünen Spaniens“ ist. Die Bergkuppen sind nicht schroff oder zackig, sondern wellenförmig und weich, fast so, als hätten die Gezeiten des nahen Golfs von Bizkaia diese Hügel sanft abgeschliffen. Im Kontrast zum strahlend blauen Himmel, an dem sich heute weiße Wolkenbänke jagen, wirken die Erhebungen wie ein lebendiger Schutzwall, der die Stadt liebevoll umschließt.

Ich ziehe meine Schuhe an und folge dem Ruf des Flusses Nervión, der sich wie ein silbernes Band durch die Stadtmitte zieht und das historische Erbe mit der Moderne verbindet. Ein Spaziergang entlang des Flusses Nervión offenbart den spektakulären Wandel der Stadt. Die futuristischen Konstruktionen reflektieren das wechselnde Licht des baskischen Himmels.

Die Zubizuri-Brücke funkelt weiß im Morgenlicht und führt mich direkt hinüber zu einem Ort, der meine Sinne völlig gefangen nimmt. Plötzlich stehe ich vor den gigantischen, geschwungenen Titanplatten des Guggenheim-Museums. Frank Gehrys Meisterwerk wirkt aus dieser Perspektive gar nicht wie ein starres Gebäude, sondern fast wie ein organisches Wesen, das sich an das Flussufer geschmiegt hat. Die Titanhaut wechselt je nach Wolkenstand ihre Farbe: Mal schimmert sie in einem kühlen Silber, Minuten später reflektiert sie ein warmes, fast goldenes Licht. Ich bleibe unter den riesigen, filigranen Beinen der Spinnenskulptur „Maman“ von Louise Bourgeois stehen. Der Blick durch dieses stählerne Kunstwerk hindurch auf die glänzende Fassade des Museums ist atemberaubend und hinterlässt ein tiefes Gefühl von Ehrfurcht vor der menschlichen Kreativität.

Ich folge der Uferpromenade weiter flussaufwärts. Die moderne, silbrig-graue Eleganz weicht allmählich wärmeren Tönen. Das prachtvolle Rathaus von Bilbao taucht vor mir auf. Mit seiner reich verzierten, sandsteinfarbenen Barock-Fassade und den historischen Statuen bildet es eine wunderschöne Brücke zur traditionellen Seele der Stadt. Es ist genau dieser Kontrast, der die Atmosphäre hier so lebendig macht: Auf der einen Seite das futuristische Design des 21. Jahrhunderts, auf der anderen Seite der stolze Geist der Vergangenheit. Hinter den modernen Fassaden pulsiert das traditionelle Leben in den engen Gassen des Casco Viejo. Hier treffen barocke Kirchen auf lebendige, neoklassizistische Plätze.

Schließlich erreiche ich das Casco Viejo, die geschichtsträchtige Altstadt. Hier, in den engen Gassen der Siete Calles, verändert sich die Geräuschkulisse. Das Echo meiner Schritte hallt von den alten Häuserwänden wider, von deren schmiedeeisernen Balkonen bunte Blumenkörbe hängen. Ich trete auf den Platz vor der Kirche San Nicolás. Die dunklen Holztüren und die robusten Glockentürme strahlen eine tiefe Ruhe aus, während im Hintergrund das geschäftige Treiben der erwachenden Stadt hörbar wird.

Nur wenige Schritte weiter öffnet sich die neoklassizistische Plaza Nueva (DSC_0512). Unter den eleganten Rundbögen riecht es bereits verlockend nach frischem Kaffee und den ersten Pintxos des Tages. Ich setze mich an einen der kleinen Tische im Freien, bestelle mir einen Café con leche und beobachte die Einheimischen. Der Platz wirkt wie ein großes, open-air Wohnzimmer, umrahmt von warmen Ockertönen und dem sanften Hellgrau der Arkaden.

Zum Abschluss meines Vormittags treibe ich tiefer in das Labyrinth der Altstadt, bis ich die Plaza de Santiago mit ihrem kunstvollen Brunnen erreiche. Direkt daneben ragt die majestätische, neogotische Westfassade der Kathedrale von Bilbao empor. Die filigrane Fensterrose bricht das Sonnenlicht in tausend Farben. Als ich meinen Blick hebe, sehe ich über den Dächern der Kathedrale und den bunten Holzbalkonen wieder die grünen Hänge des Umlands emporragen. Die Natur ist in Bilbao nie weiter als einen Blick entfernt. Sie gibt dieser Stadt, die sich so mutig neu erfunden hat, ihren beständigen, erdigen Rahmen.

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Architektur und Genuss: Der historische Hauptplatz von Bilbao

Ich trinke meinen Kaffee aus, blicke auf die bewaldeten Hügel und weiß jetzt schon, dass mich mein Weg heute Nachmittag mit der Seilbahn hinauf auf den Gipfel führen wird, um dieses grüne Becken ganz von oben zu bestaunen.

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