Lake Blanche : Die rote Treppe der Wasatch Mountains

Der Aufstieg zum Lake Blanche stand schon lange auf meiner Liste, doch als ich gestern, am 27. Juni, am Trailhead im Big Cottonwood Canyon aus dem Auto stieg, ahnte ich noch nicht, wie tief sich diese Wanderung in meine Knochen einbrennen würde. Die Luft roch nach frischem Nadelwald und feuchter Erde. Der Pfad forderte mich von der ersten Minute an. Jeder Schritt erinnerte mich ungefiltert daran, dass die Monate vergehen und der Körper reift; die steilen Passagen und 837 Höhenmeter ließen den Puls unbarmherzig nach oben schnellen. Doch die Natur bot von Anfang an eine grandiose Kulisse, die mich Schritt für Schritt weitertrieb. Zu Beginn begleitete mich das tosende Rauschen des Mill B South Fork Creek, dessen eiskaltes Wasser sich wild wirbelnd um dunkle, flechtenbesetzte Felsen wand und eine wunderbare Frische in den dichten Bergwald brachte.

Sobald das dichte Blätterdach aufbrach, zeigte der Canyon seine monumentale Geometrie. Die mächtigen, bewaldeten Flanken wichen langsam schroffen Klippen aus uraltem Quarzit, deren diagonale Bruchlinien von den gewaltigen Kräften der Erdgeschichte erzählten. Beim Blick zurück über das Tal erhoben sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die hellen Kalksteinkuppen des Mount-Raymond-Massivs, die im sanften Sommerlicht fast weiß leuchteten. Weiter oben weitete sich das Tal zu einem hochalpinen Kar aus, in dem riesige, graue Geröllhalden steil aufragten und schattige Rinnen im dunklen Fels noch die letzten strahlenden Reste des Winterschnees hüteten. Der Weg wurde rauer, steiniger und schien kein Ende nehmen zu wollen.


Bildergalerie I: Der steile Weg durch die Jahrmillionen

Die Erschöpfung saß mir tief in den Gliedern, als ich mich die letzten steilen Kehren hinaufquälte. Schräg aufgerichtete, terrassenförmige Felsplatten lagen wie eine monumentale, rote Treppe vor mir. Hier hatten eiszeitliche Gletscher das harte Gestein zu glatten, runden Schildkrötenrücken geformt. Ein kleiner, wilder Wasserfall stürzte durch eine V-förmige Kerbe herab und kündigte das nahe Ziel an.

Bildergalerie II: Das steinerne Finale am Lake Blanche


Dann, mit den letzten Kraftreserven, erreichte ich die Gletscherschwelle – und die Mühe des Aufstiegs war augenblicklich vergessen. Vor mir breitete sich die majestätische Stille des Lake Blanche aus. Das ruhige, smaragdgrüne Wasser spiegelte die dunklen Nadelbäume und die riesige, alles überragende Felspyramide des Sundial Peaks wider, dessen helle Quarzitflanken wie eine riesige Sonnenuhr in den Himmel ragten. Junge Espen wiegten sich mit ihren hellen Stämmen sanft am Ufer, während im Hintergrund die gewaltigen, hufeisenförmigen Nordwände der Broad Fork Twin Peaks mit ihren sichelförmigen Schneefeldern den Horizont dominierten. Ein Stück weiter gaben die Felsterrassen den Blick auf die tiefer gelegenen Nachbarseen Lake Florence und Lake Lillian frei – ein unvergessliches Seen-Trio, eingebettet in die karge Pracht der Wasatch-Kette.


Bildergalerie III: Das magische Seen-Trio auf dem Hochplateau


Der Abschied von dieser friedlichen Bergwelt fiel schwer, zumal der Himmel langsam zuzog und es mehrfach leicht zu tröpfeln begann. Der Abstieg forderte seinen ganz eigenen Tribut: Meine Knie machten sich bei jedem Schritt auf dem harten, steilen Pfad bemerkbar und jammerten leise über das Alter und die Belastung. Auf den letzten 500 Metern öffnete der Himmel dann doch noch seine Schleusen und schwere, dicke Tropfen prasselten auf mich herab. Völlig durchnässt, aber glücklich erreichte ich das Auto – und wie zum Hohn hörte der Regen in genau diesem Moment wieder auf. Ohne Proviant im Rucksack trieb mich der unbarmherzige Hunger direkt nach Midvalley. Das erstbeste Restaurant war ein schlichter McDonald’s. Nach diesem kräftezehrenden Abenteuer war mir das Ambiente jedoch völlig egal: Der Burger schmeckte nach dem harten Tag in den Bergen wie ein absolutes Festmahl.

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