Der Morgen des 7. August 2026 bricht mit einer trockenen, flirrenden Hitze an, als ich die Straße tiefer in die Einsamkeit des Bighorn Canyon National Recreation Area hineinfahre. Hier, im Grenzgebiet zwischen Wyoming und Montana, scheint die Zeit in den gewaltigen Sedimentschichten der Erde eingefroren zu sein. Mein erstes Ziel ist der State Line Trail, den ich am späten Vormittag erreiche. Der Weg führt durch eine karge, unbarmherzige Hochebene. Jeder Schritt wirbelt feinen Staub auf, und der Duft von sonnenverbranntem Beifuß liegt schwer in der Luft. Doch noch bevor ich den eigentlichen Rand des Canyons, den rauen Rim, erreiche, zwingt mich die Landschaft zu einem ersten Halt. Es ist diese ungeheure Weite, die einen fast ehrfürchtig werden lässt. Der Boden zu meinen Füßen ist übersät mit hellen, von Flechten gezeichneten Kalksteinfelsen. Dahinter staffelt sich die raue Hochwüste, spärlich bewachsen mit Wacholderbüschen, bis sich am Horizont die ersten mächtigen Wände der fernen Schlucht abzeichnen.
Wendet man den Blick auf dieser Wanderung nach Norden, offenbart sich die Wüste in all ihren geologischen Facetten. Die Landschaft wirkt wie ein riesiges, von der Natur gemaltes Gemälde, das in horizontalen Farbschichten geordnet ist. Auf das helle Beige des felsigen Vordergrunds folgt das matte Grün der zähen Vegetation, gefolgt von leuchtend roten Erdhügeln und markanten Tafelbergen. Ganz im Hintergrund thront majestätisch die bläulich-graue Silhouette der Pryor Mountains unter dem weiten Sommerhimmel.
Als der Trail schließlich die Kante der Hauptschlucht erreicht, öffnet sich ein spektakulärer Blick auf das Herz dieser Landschaft – den Bighorn River. Im fahlen Licht des Vormittags schimmert das Wasser nicht blau, sondern in einem schweren, dichten Goldbraun und Smaragdgrün, wie ein flüssiges Band aus Jade und Schlamm. Der Fluss bewegt sich träge, aber mit unaufhaltsamer Kraft durch das steinerne Labyrinth. Besonders faszinierend ist der Punkt, an dem der schmalere Devil’s Canyon auf die Hauptschlucht trifft. Die rötlichen Erdhügel am Ufer bilden einen dramatischen Kontrast zu den senkrecht aufragenden, hellen Klippen, die den Fluss wie ein goldenes Tor einrahmen. Ich wandere dicht am rauen Rand entlang, wo zerklüftete, von der Witterung gezeichnete Kalksteinfelsen den Blick in die Tiefe einrahmen. Von hier oben zeigt sich auch die vertikale Schichtung der Landschaft besonders eindrucksvoll: Über den steilen Felswänden, in denen dunkle Höhlenöffnungen klaffen, erhebt sich im Hintergrund die gewaltige, pyramidenförmige Kulisse des Pryor Mountain Peaks.
Galerie: Wanderung auf dem State Line Trail
Gegen Mittag setze ich meine Tour fort und fahre das kurze Stück weiter zum eigentlichen Devil’s Canyon Overlook. Als ich um kurz nach 12 Uhr an die dortige Kante trete, verschlägt es mir erneut den Atem. Die Dimensionen von diesem Hauptaussichtspunkt aus sind schwindelerregend. Fast senkrecht, über 300 Meter tief, stürzen die rauen, hellen Kalksteinwände der Klippe in die Tiefe. Sie tragen die Farben von Jahrmillionen: Ein Wechselspiel aus glühendem Orange, tiefem Rostrot und hellem, sonnengebleichtem Beige, durchzogen von den harten Kontrasten aus Licht und Schatten des Mittagslichts.
Von den verschiedenen Plattformen des Overlooks aus wird die markante S-Kurve des Bighorn Rivers erst in ihrer vollen, weltbekannten Pracht sichtbar. Das trübe, grünlich-braune Wasser zieht eine perfekte, elegante Schleife um eine gewaltige, zentrale Felsnase. Diese riesige Pyramide aus Stein ist über und über mit winzigen, grünen Punkten übersät – zähen Wüstenbüschen, die sich an das nackte Gestein klammern. Die grelle Hitzesonne erzeugt im Dunst einen hellen Schein über der gewaltigen Kulisse, während sich der Fluss an den massiven, mit schütteren Nadelhölzern bewachsenen Wänden vorbeischiebt. Jeder Schritt entlang des abgesicherten Rims offenbart eine neue, atemberaubende Perspektive auf dieses zerklüftete Herz des Canyons, bis ich schließlich mit der perfekten Totale das letzte Foto dieser unvergesslichen Serie im Kasten habe.
Galerie: Mittags am Devil’s Canyon Overlook











