Das große Abenteuer am Highline Trail

Vom Gipfelglück zum Überlebenskampf

Es ist genau 7:35 Uhr, als ich am Logan Pass den ersten Schritt auf den Highline Trail setze. Die Luft ist eisig, rein und von einem stürmischen Wind erfüllt, der unaufhörlich über die Kämme peitscht. Doch der Blick, der sich mir bietet, raubt mir sofort den Atem. Der Himmel spannt sich in einem tiefen, wolkenlosen Azurblau über die Arena der Rockies. Das frühe Morgenlicht bricht sich an den gewaltigen Flanken der Bergriesen und lässt die uralten, farbigen Gesteinsschichten in warmen Ocker- und rötlichen Erdtönen leuchten. Über den satten, dunkelgrünen Nadelwäldern thront der Clements Mountain wie ein steinernes Monument, dessen schroffe Zacken und weiße Altschneefelder im harten Licht scharfe Kontraste werfen. Die Welt wirkt hier oben noch völlig ungezähmt und rein.

Galerie 1: Der stürmische Aufbruch am Morgen

Schritt für Schritt folge ich dem schmalen Band, das direkt in die schwindelerregende Felswand der Garden Wall geschlagen wurde. Auf der einen Seite ragt der nackte, graue Fels empor, auf der anderen Seite stürzt der Hang fast senkrecht in die Tiefe, wo sich die Going-to-the-Sun Road wie ein winziger Faden durch das gigantische Gletschertal zieht. Ein gespanntes Stahlseil bietet Halt, während der stürmische Wind an meiner Kleidung zerrt. Der Pfad schlängelt sich weiter hinauf zum Haystack Pass. Hier verändert sich die Geometrie der Landschaft: Das sanfte, saftige Grün der alpinen Bergwiesen trifft auf das markante, flache Plateau des Haystack Butte, dessen rötliche Kanten majestätisch im hellen Licht schimmern. Plötzlich tut sich am Wegesrand eine kleine, lebendige Oase auf. Ein glasklarer Bergbach plätschert über dunkles Geröll, und ein schmaler Wasserfall stürzt kaskadenartig herab, gesäumt von leuchtend gelben Alpenblumen und Farnen, die sich trotzig an die feuchten Felsen klammern.

Galerie 2: Alpine Oasen und die Könige der Wildnis

Die Tierwelt lässt nicht lange auf sich warten. Ein prächtiges Dickhornschaf quert mit ungläubiger Trittsicherheit die steilen Grashänge, als wolle es demonstrieren, wer die wahren Meister dieser Höhen sind. Doch die Idylle trübt sich schleichend. Was ich zunächst für aufziehenden Morgendunst halte, entpuppt sich als der dichte, gelblich-graue Rauch eines Waldbrandes. Der stürmische Wind drückt die Brandgase unaufhaltsam über die Pässe. Die Luft wird spürbar schwerer, der Geruch nach verbranntem Holz beißend. Das tiefe Blau des Himmels weicht einer aschgrauen, diffusen Suppe, die das Sonnenlicht verschluckt. Die scharfen Silhouetten von Oberlin Mountain und Mount Clements versinken in einer bedrohlichen, gespenstischen Kulisse.

Und dann, wie aus dem Nichts, steht er vor uns: Ein riesiger Grizzlybär blockiert den schmalen Pfad. Trotz unserer lauten, fast panischen Rufe marschiert der König der Berge seelenruhig direkt auf uns zu. Sein stoischer Blick scheint zu sagen: „Das ist mein Reich, verpisst euch, ihr Touris!“ Sekunden werden zu Ewigkeiten, das Herz klopft bis zum Hals, während wir wie versteinert zusehen, wie er schließlich links im dichten Unterholz verschwindet.

Galerie 3: Der heraufziehende Rauch und die Bärenbegegnung

Als der Adrenalinkick nachlässt und der Bär weg ist, bricht das Unglück herein. Nur 15 Minuten später stürze ich auf dem unebenen, staubigen Pfad schwer. Ein stechender Schmerz schießt durch mein linkes Bein – eine schwere Bänderdehnung im Oberschenkel. Glücklicherweise hat sich durch die Bären-Blockade eine Gruppe von etwa 15 Wanderern hinter uns angestaut. Fremde Hände helfen mir auf, eine Frau reicht mir Schmerztabletten und Pulver. Die Gruppe begleitet mich ein Stück, doch den Rest des Weges muss ich allein bewältigen.

Zwei unendlich lange, qualvolle Stunden brauche ich für die letzten zwei Meilen bis zum Granite Park Chalet. Jeder Schritt ist ein Kampf gegen den hämmernden Schmerz. Der Blick zurück zeigt eine Endzeitstimmung: Der mächtige Heavens Peak und die Zacken von Bishop’s Cap und Mount Pollock sind kaum noch zu erkennen, komplett verschluckt vom dichten Rauch. Tief unten zieht der McDonald Creek wie eine matte, silberne Schlange seine Schlingen durch das endlose, dunkelgrüne Waldmeer. Meine Kleidung und die Kamera sind komplett verstaubt, als endlich ganz links auf dem Bergrücken das ersehnte Etappenziel auftaucht: die historischen Natursteingebäude des Granite Park Chalets.

Galerie 4: Der harte Weg zum rettenden Chalet

Am Chalet angekommen die nächste Ernüchterung: Es gibt kein fließendes Wasser wegen anhaltenden Mangels. Zum Glück habe ich eigene Vorräte. Meine mitgebrachten Landjäger und Cracker schmecken nach diesem Überlebenskampf wie ein Fünf-Sterne-Menü. Nach einer kurzen 25-minütigen Pause raffe ich mich für die letzten 4,1 Meilen hinunter zur Loop-Kehre auf. Angetrieben von purem Willen und dem schwindenden Adrenalin schaffe ich den steilen Abstieg durch das dichte, rauchverhangene Buschwerk in unglaublichen 2 Stunden und 20 Minuten. Als ich endlich erschöpft im Shuttle-Bus sitze, treffe ich eine kanadische Familie, die erst Stunden nach mir gestartet war. Sie blicken mich ungläubig an, als ich ihnen erzähle, dass dieser gespenstische, graue Tag heute Morgen mit einem strahlend blauen, glasklaren Himmel begonnen hat. Ein Tag voller Extreme, den ich niemals vergessen werde.

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