Faszinierendes Umbrien: Mein Streifzug durch Bevagna

15. Juni 2024

Es gibt Orte, an denen die Uhren nicht nur langsamer gehen, sondern scheinbar gänzlich stillstehen. Ein solcher magischer Fleck Erde ist das umbrische Kleinod Bevagna, das ich an einem strahlenden Sommertag besuchte. Eingebettet in eine sanfte Talebene, gesäumt von silbrig glänzenden Olivenhainen und dichten Weinbergen, verzaubert diese Kleinstadt durch ein städtebauliches Gewebe, das seine antiken römischen Wurzeln und seine prachtvolle mittelalterliche Blütezeit bis heute stolz zur Schau trägt.

Das steinerne Herz: Auf der Piazza Silvestri

Mein Rundgang begann im unbestrittenen Zentrum des städtischen Lebens, auf der monumentalen Piazza Silvestri. Dieser Platz bricht ganz bewusst mit den klassischen Renaissance-Ideen von Symmetrie und axialen Ausrichtungen. Stattdessen breitet sich hier eine organisch gewachsene, fast intime Theaterkulisse aus rohem Naturstein vor dem Besucher aus.

Direkt auf der Piazza stehen sich zwei architektonische Meisterwerke der Romanik gegenüber, die eine seltene architektonische Harmonie ausstrahlen. Auf der einen Seite ragt der Palazzo dei Consoli aus dem 13. Jahrhundert empor, dessen Erdgeschoss durch gotische Spitzbögen geöffnet ist, während eine breite Freitreppe majestätisch nach oben führt.

Galerie 1: Die monumentale Kulisse der Piazza Silvestri

Direkt daneben schmiegt sich die Kirche San Silvestro an den Palast, die im Jahr 1195 vom berühmten Meister Binello errichtet wurde. Ihre Fassade strahlt eine wunderbare, fast asketische romanische Schlichtheit aus.

Schreitet man durch das Hauptportal in das dreischiffige Innere, umfängt einen sofort eine feierliche Stille. Der Blick wird unweigerlich zum stark erhöhten Presbyterium gelenkt, zu dem eine breite Steintreppe hinaufführt. Doch das eigentliche Geheimnis verbirgt sich im Untergrund: Steigt man die Stufen hinab in die Krypta, steht man in einem mystischen, dämmrigen Raum. Hier ruht das schwere Kreuzgewölbe auf kurzen, wuchtigen Säulen, deren antike Kapitelle im fahlen Tageslicht schimmern.

Gegenüber der Kirche San Silvestro erhebt sich die mächtige Stiftskirche San Michele Arcangelo. Ihr Fassadenbild wird von einer großen, filigranen Fensterrose und einem weithin sichtbaren, mehrstöckigen Glockenturm mit pyramidenförmiger Spitze dominiert. Bei meinem Besuch summte der Platz vor geschäftiger Vorfreude: Große hölzerne Konstruktionen, darunter ein monumentales Laufrad, und Zuschauertribünen wurden aufgebaut. Es waren die Vorbereitungen für das berühmte Kulturfestival Mercato delle Gaite, das jedes Jahr die alten Handwerkstraditionen des Mittelalters zum Leben erweckt.

Galerie 2: Die majestätische Kirche San Silvestro

Durch die Gassen zum klösterlichen Frieden

Ich verließ den weiten Platz und ließ mich treiben. Die gepflasterten Straßen sind gesäumt von warmen, ockerfarbenen Fassaden und von Häusern mit rustikalem Natursteinmauerwerk. Überall über den Köpfen hingen die farbenfrohen, rot-grünen und blau-grünen Banner der verschiedenen Stadtviertel (Gaite), die im sanften Sommerwind wehten. An den Ecken mischten sich Einheimische und Reisende, lachten, tranken Wein im Freien und versprühten jene ansteckende italienische Lebensfreude, die diesen Aufenthalt so unvergesslich macht. An einer Straßenecke zog das weit geöffnete Holztor des Ristorante Ottavi Mare meinen Blick an, während nur wenige Meter weiter eine traditionelle Norcineria den Duft von umbrischem Schinken verströmte.

Mein Weg führte mich weiter zur Kirche und dem Kloster Santa Margherita. Im Gegensatz zu den strengen mittelalterlichen Monumenten überrascht dieser Komplex durch feine barocke Stilelemente. Die hellen, weißen Pilaster und ockerfarbenen Dekorationen der Kirchenfassade heben sich eindrucksvoll vom rauen Stein des angrenzenden Klosters ab.

Ein wahres Juwel der Ruhe offenbarte sich mir im weitläufigen Innenhof des ehemaligen Klosters, das heute als Al Monastero bekannt ist. Umgeben von einem zweistöckigen Natursteingebäude mit eleganten Rundbogenfenstern erstreckt sich hier ein idyllischer Garten. Zwischen gepflegten Rasenflächen, schattigen Olivenbäumen und einem alten Steinbrunnen waren liebevoll Tische eingedeckt – eine Oase des Friedens. Von der Rückseite aus betrachtet, zeigt das Kloster eine prächtige Loggia mit offenen Rundbogen-Arkaden, über der die markante, blaue Kuppel des Glockenturms in den azurblauen Himmel ragt.

Galerie 3: Klösterliche Stille und barocke Eleganz

Steinerne Zeugen der Wehrhaftigkeit: Die Kirche San Francesco und die Stadttore

Am äußeren Rand der Altstadt stieß ich auf die Kirche San Francesco, die auf einer kleinen Erhebung über den Resten der alten Stadtmauern thront. Ihre hoch aufragende, fast wehrhaft wirkende Giebelfassade aus hellem Naturstein besitzt ein feines Rundbogenportal und ein schlichtes, rechteckiges Fenster, welches das Nachmittagshimmel-Licht einfängt. Auch hier, auf der Piazza davor, kündeten hölzerne Marktbuden vom nahenden Festbetrieb.

Zum Abschluss meines Rundgangs wanderte ich entlang der mächtigen Befestigungsanlagen, welche die Stadt wie ein schützender Gürtel umschließen. Zwei der historischen Stadttore sind mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Die monumentale Porta San Francesco besticht durch ihren gewaltigen Rundbogen, der nahtlos in die zinnenbewehrte Stadtmauer übergeht. Eine blau-grün gestreifte Fahne prangte über dem Portal, durch das die Gassen im Inneren einladend leuchteten.

Am anderen Ende der Stadt verteidigt die Porta Cannara seit Jahrhunderten den Zugang. Ihr wuchtiger, quadratischer Wehrturm aus rauem Naturstein wirkt unbezwingbar. Ein riesiges, rot-grün quadriertes Festbanner schmückte seine Flanke und bildete einen herrlichen Kontrast zu den tiefgrünen Bäumen und dem modernen ZTL-Verkehrsschild daneben – ein charmantes Zusammenspiel aus jahrhundertealter Geschichte und italienischer Gegenwart.

Galerie 4: Mauern, Gassen und Wehrbauten

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