Der Ruf der Wildnis am Lake Creek
Der Morgen begann mit jenem makellosen, tiefen Blau, das es so wohl nur über den Gipfeln von Wyoming gibt. Mein Pfad führte mich hinein in das Laurance S. Rockefeller Preserve, wo die Luft würzig nach frischem Harz und feuchter Erde schmeckte. Schon nach wenigen Schritten nahm der Lake Creek mich gefangen. Sein Wasser lief hier noch zahm und flach durch ein breites Bett, schmiegte sich an uraltes Totholz und glitzerte silbrig im warmen Sommerlicht. Doch weit im Hintergrund, über den Wipfeln der sattgrünen Nadelbäume, ragte bereits das unübersehbare Wahrzeichen dieser Wildnis auf: die breite, schneebedeckte Pyramide des Buck Mountain und die schroffe, dunkle Nachbarschaft des Static Peak. Die Berge wirkten wie stumme Wächter, die den Weg in eine tiefere, unberührte Welt wiesen.
Impressionen vom Aufstieg
Das smaragdgrüne Auge des Phelps Lake
Als sich der dichte Wald schließlich öffnete, lag er vor mir: der Phelps Lake. Seine Oberfläche spiegelte das grandiose Panorama der Bergrücken wider, die ihn wie eine schützende Hand umschlossen. Albright Peak erhob sich im Norden mit steilen, fast vertikalen Kalksteinwänden – den berühmten Death Canyon Cliffs –, deren heller Fels im Mittagslicht fast weiß leuchtete. Auf der gegenüberliegenden Seite thronte die gewaltige, dunkle Masse des Prospectors Mountain. Das Wasser des Sees changierte in faszinierenden Nuancen von tiefem Smaragdgrün bis zu einem satten Kobaltblau, während graue Granitblöcke das Ufer säumten. Am Wegesrand blühte die alpine Flora in voller Pracht: Das intensive Scharlachrot des Indian Paintbrush bildete einen atemberaubenden Komplementärkontrast zum saftigen Grün der Sträucher und den zarten, blau-violetten Tupfern der Lupinen.
Am Ufer des Phelps Lake
Eine unerwartete Begegnung und die Symmetrie des Canyons
Plötzlich riss mich ein leises Tuscheln aus meinen Gedanken. Eine Gruppe von sechs jungen Männern um die zwanzig hielt inne und warnte mich mit gedämpfter Stimme: Nur zwanzig Fuß weiter vorne stand ein Bär. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, als ich mich vorsichtig an das Gebüsch herantastete. Und tatsächlich: Ein prächtiger Schwarzbär stand direkt an der Wasserlinie, sein dichtes, dunkelbraunes Fell schimmerte im Schatten der Blätter. „Vielleicht ist es gut, wenn wir in der ganzen Gruppe gehen“, raunte einer der Jugendlichen. Sie folgten mir langsam und wachsam – ein beruhigendes Gefühl der Gemeinschaft in diesem Moment purer Wildnis.
Nur zehn Minuten später erreichte ich den ikonischen Jumping Rock. Von diesem riesigen Felsplateau stürzten sich einige Wagemutige in den eiskalten See. Die Aussicht von hier oben war atemberaubend: Das Felstor des Death Canyon präsentierte sich in vollendeter, dramatischer Symmetrie. Erst als ich weiterging, bemerkte ich, dass dieses monumentale Tor deutlich hinter dem See lag und den tiefen, schattigen Eingang in die eigentliche Bergschlucht bildete.
Abenteuer am Death Canyon
Der Umschwung und das Flüstern des Rangers
„In einer Stunde wird es womöglich ein Gewitter geben“, hatte mir der Ranger im Rockefeller Center prophezeit. Als ich auf die andere Seite des Seeufers gelangte, zeigte sich, wie recht er behalten sollte. Mein letzter Blick zurück auf den See war von einer unheimlichen, fesselnden Schönheit geprägt. Über den fernen, sanfteren Gipfeln der Gros Ventre Range baute sich eine monumentale, weiße Wolkenwalze auf, flankiert von einer tiefblauen, schweren Regenfront. Die Oberfläche des Sees kräuselte sich unruhig und spiegelte das dramatische Licht wider. Auf dem Rückweg in Richtung Jenny Lake öffnete sich die Landschaft in eine weite, flache Ebene, die dicht mit hellgrünem Sagebrush bewachsen war. Hinter einem dunklen Waldgürtel erhob sich die gesamte Teton-Hauptkette – vom Buck Mountain über den Middle Teton bis zur scharfen, dunklen Nadel des Grand Teton. Die Wolkenwand war inzwischen so dunkel und bedrohlich geworden, dass sie die majestätischen Spitzen förmlich verschlang. Auf der Weiterfahrt zum Colter Bay Campground öffnete der Himmel schließlich seine Schleusen, und der stärkere Regen trommelte auf die Scheiben – der furiose Ausklang eines unvergesslichen Wandertages.
Das Herannahen des Sturms














