Der Morgen in Lyon beginnt mit einem unaufhörlichen Spiel aus Licht und Stein. Wenn man sich der Stadt nehert, zieht ein mächtiger, fast unwirklich weißer Palast der Frömmigkeit alle Blicke auf sich: Die Basilika Notre-Dame de Fourvière thront hoch oben auf ihrem Hügel, als würde sie über das irdische Treiben der Stadt wachen. Ihre schneeweiße Fassade strahlt im Tageslicht eine beinahe majestätische Kälte aus, die jedoch von den warmen, neobyzantinischen und romanischen Rundungen ihrer vier Ecktürme sanft aufgefangen wird. Direkt daneben reckt sich der alte Glockenturm in den Himmel, auf dessen Spitze die goldene Marienstatue das Licht einfängt und wie ein kleiner, funkelnder Stern über den Dächern von Lyon leuchtet.
Wer die Basilika nach diesem äußeren Eindruck direkt betritt, wird von einer schieren Reizüberflutung aus Gold und Farben überwältigt. Das Hauptschiff explodiert förmlich in neobyzantinischem Prunk. Monumentale, kannelierte Säulen aus dunklem, fast schwarzem Marmor tragen schwere Gewölbe, die über und über mit glänzendem Blattgold, filigranen Mosaiken und lebendigen Malereien bedeckt sind. Unter den Füßen erstreckt sich ein detailreicher Mosaikboden, dessen geometrische Muster den Blick nach vorne leiten. Geht man von hier aus die Stufen hinab in die Krypta, die Unterkirche, verändert sich die Stimmung abermals. In dieser intimen, schützenden Atmosphäre weisen die Bögen einen rhythmischen Wechsel aus hellen und dunklen Steinen auf. Am Ende des Mittelgangs ruht der Blick auf dem prachtvollen Hauptaltar, der dem heiligen Josef geweiht ist; eine weiße Marmorstatue des Heiligen mit dem Jesuskind wird von kunstvoll in den Stein gehauenen Engeln mit weit ausgebreiteten Flügeln flankiert. An den Wänden verbirgt sich zudem ein modernes Meisterwerk: Das monumentale Jakobsweg-Mosaik. Auf 23 Quadratmetern leuchtet der heilige Jakobus der Ältere in Lebensgröße mit seinem Wanderstab, umgeben von Sternen und den farbenprächtigen Stationen des historischen Pilgerwegs, eingebettet in ein tiefes, symbolträchtiges Blau.
Die Pracht von Notre-Dame de Fourvière: Außen und Innen
Steigt man den Hügel nun hinab in die historische Altstadt, das Vieux Lyon, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Am Place Saint-Jean atmet jeder Pflasterstein Geschichte. Die Renaissance- und klassizistischen Häuserzeilen rahmen den Platz mit warmen Ocker-, Terrakotta- und zarten Rosatönen ein. Im Herzen des Platzes murmelt der neugotische Saint-Jean-Brunnen, dessen detailreiche Skulpturen die Taufe Christi darstellen, während im Hintergrund der filigrane Stahlskelettturm des Tour métallique über den Baumkronen emporragt.
Nur wenige Schritte weiter öffnet sich der Blick auf die monumentale Westfassade der Kathedrale Saint-Jean-Baptiste. Ihre unvollendeten, wuchtigen Türme verleihen ihr eine erdige, kraftvolle Präsenz. Das gewaltige, kreisrunde Rosenfenster in der Mitte der gotischen Fassade wirkt wie ein steinernes Spitzenkunstwerk, das die drei tiefen, spitzbögigen Eingangsportale darunter bewacht. Tritt man durch diese Tore, fängt einen die ehrfürchtige Stille des gotischen Mittelschiffs auf. Das sechszehnteilige Kreuzrippengewölbe spannt sich hoch oben wie ein schützender Baldachin über die langen Reihen dunkler Holzbänke, während am Ende des Raumes die fernen, farbenprächtigen Buntglasfenster des Chors das einfallende Licht in mystische Blau- und Rottöne verwandeln. Spaziert man schließlich an das gegenüberliegende Ufer der Saône, offenbart sich die Kathedrale in ihrer vollen, malerischen Pracht: Die romanische Apsis spiegelt sich im sanften Grün des Flusses.
Der Place Saint-Jean und die Kathedrale im Tal
Verlässt man das mittelalterliche Zentrum wieder und wandert weiter über die Hänge des Hügels, betritt man eine völlig andere Epoche. Hier, wo einst die römische Metropole Lugdunum lag, öffnet sich die Erde und gibt den Blick frei auf die monumentalen Zeugen der Antike. Das antike Odeon schmiegt sich mit seinen halbkreisförmigen, grauen Steingranaten sanft in den Hang. Wo einst 3.000 ausgewählte Bürger den Klängen von Lyrik und Musik lauschten, herrscht heute eine friedliche, fast andächtige Ruhe, unterbrochen nur vom satten Grün der Rasenflächen, die den ehemaligen Orchestergraben bedecken.
Gleich nebenan führt eine breite, monumentale Steintreppe weiter hinauf und verbindet das intime Odeon mit dem gewaltigen Antiken Theater. Mit jedem Schritt nach oben öffnet sich die Perspektive, bis man schließlich von den obersten Rängen hinabblickt. Die Dimensionen dieses ältesten römischen Theaters in Gallien sind atemberaubend: Platz für 10.000 Menschen, steil ansteigende Steinreihen und im Bühnenbereich die Fundamente der einstigen Prachtkulisse. Einige weiße, rekonstruierte Marmorsäulenstümpfe ragen wie steinerne Finger aus den antiken Ziegeln und Mauern empor. Steht man ganz oben an den tiefen, rasterförmigen Grundmauern der archäologischen Stätte, verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart: Der Blick schweift über die antike Arena hinweg auf das unendliche, moderne Häusermeer von Lyon, das sich im Dunst des Horizonts verliert.
Das römische Erbe auf dem Fourvière-Hügel













