Eine Rundwanderung durch den Paintbrush Canyon

9. Juli 2026

Der morgendliche Aufbruch am stillen Wasser

Der Morgen im Grand-Teton-Nationalpark begann mit einer Stille, die so tief war, dass man das eigene Atmen hören konnte. Am Trailhead des String Lake angekommen, schien die Zeit für einen Moment stillzustehen. Das Wasser des Sees lag so unbeweglich da, als wäre es flüssiges Glas. Die Luft war frisch und klar, erfüllt vom herben Duft der umliegenden Nadelwälder. Auf den ersten Metern entlang des Ufers bot sich ein unvergessliches Schauspiel der Natur: Die Oberfläche des Sees wirkte wie ein perfekter Spiegel, der die mächtigen, noch mit Schneeresten gesprenkelten Flanken der heraufziehenden Bergkette verdoppelte. Das tiefe Grün der Kiefernnadeln am Ufer hob sich messerscharf gegen das saubere Türkis und Smaragdgrün des flachen Wassers ab. Im glasklaren Wasser konnte man jeden einzelnen Kiesel und die verwitterten Stämme am Seegrund erkennen. Mit jedem Schritt, den ich tiefer in den Wald hineinwandert, öffnete sich das Blätterdach ab und zu und gab den Blick frei auf die markanten, schneebedeckten Zacken, die sich majestätisch in den makellos blauen Himmel bohrten. Es war der perfekte, friedliche Auftakt für ein Abenteuer, das mich bald in deutlich wildere Regionen führen sollte.

Galerie I: Morgendliche Impressionen am String Lake


Hinein in die alpine Wildnis des Canyons

Bald verließ ich das sanfte Seeufer, und der Pfad begann merklich anzusteigen, als er in den rauen Paintbrush Canyon abbog. Hier änderte sich die Landschaft schlagartig. Der schattige Wald wurde dichter, und die mächtigen Granitriesen spielten ein Versteckspiel mit mir. Auf dem steilen Weg nach oben öffnete sich das Dickicht nur selten, doch wenn es geschah, waren die Ausblicke atemberaubend. Wie durch ein natürliches Fenster aus dunklen Tannenwipfeln blitzte plötzlich die gewaltige, schroffe Flanke des Mount Woodring auf, dessen schneebedeckter Gipfel fast unwirklich weit oben im gleißenden Sonnenlicht leuchtete. Auf der gegenüberliegenden Seite des Canyons zeigte sich die ungezähmte Kraft der Erdgeschichte in Form des Rockchuck Peak. Seine steilen, hellgrauen Felswände und die riesigen Geröllfelder erzählten von Lawinen und Jahrtausenden der Verwitterung. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich zähe, alpine Nadelbäume selbst in den steilsten Rinnen festkallten, während weiter oben das nackte Gestein regierte. Das alpine Klima wurde spürbarer: Das dumpfe, mächtige Rauschen kündigte es schon von Weitem an, und schließlich stand ich an den Kaskaden des Paintbrush Creek. Mit urgewaltiger Wucht schoss das eiskalte, schäumende Schmelzwasser über dunkel geschliffene Felsen hinab ins Tal und schickte eine wunderbar erfrischende, feine Gischt herüber.

Galerie II: Der Aufstieg durch den Paintbrush Canyon


Der Höhepunkt am Lower Paintbrush Campground

Nach den anstrengenden Höhenmetern erreichte ich schließlich den Wendepunkt meiner Tour: den Lower Paintbrush Campground. Hier, hoch über dem Talboden, öffnete sich die Welt zu einem überwältigenden Panorama. Der Blick zurück war schlichtweg atemberaubend. Wie blaue Saphire lagen drei riesige Seen hintereinander in der weiten, bewaldeten Ebene aufgereiht: direkt unter mir der schmale String Lake, dicht dahinter der Leigh Lake und ganz am Horizont der riesige Jackson Lake, dessen Ende sich im Dunst der fernen Hügelketten verlor. Kleine, weiße Schönwetterwolken segelten über den Himmel und spiegelten sich als winzige Tupfen auf den blauen Wasserflächen. Doch nicht nur der Blick in die Ferne faszinierte: Drehte man sich um, ragte direkt über dem Zeltplatz die monumentale, düstere Südwand des Mount Woodring empor. Eine schiere Festung aus grauem Granit, deren gewaltige Masse die hohen Tannen im Vordergrund wie winzige Spielzeugbäume wirken ließ. An diesem geschützten Ort, umgeben von der rauen Erhabenheit der Berge, verging die Zeit bei einer wohlverdienten Rast wie im Flug.

Galerie: Das Panorama vom Campingplatz


Der Abstieg auf dem linken Pfad

Für den Rückweg wählte ich den linken Pfad, der sich in engen Kehren wieder hinunter in Richtung Tal schlängelte. Der Wald schloss sich zunächst wieder und hüllte den Weg in angenehmen Schatten, während die hellen Kalk- und Granitwände des Rockchuck Peak immer wieder neckisch durch die Baumwipfel blitzten. Doch der Abstieg hielt noch einige der spektakulärsten visuellen Höhepunkte der gesamten Wanderung bereit. Plötzlich gab der Pfad den Blick nach Süden frei, und zwei phantastische, nackte Felsgipfel des Rockchuck-Massivs schossen wie steinerne Wächter in den Himmel – links eine perfekte Pyramide, rechts eine scharf gezackte Doppelzinke. Nur wenig später öffnete sich das Gelände erneut und offenbarte einen monumentalen Tiefenblick in das eisige Herz der Kette: Die tief zerklüftete, schneebedeckte Nordwand des Mount Owen und die mächtigen Flanken des Grand Teton präsentierten sich als ein gigantisches, natürliches Amphitheater, in dessen schattigen Felsfalten der ewige Schnee strahlend weiß leuchtete. Beim weiteren Hinabgehen zeigte sich auch der Mount Woodring noch einmal von seiner besten Seite und verabschiedete mich mit seiner imposanten, von tiefen Rinnen durchzogenen Ostflanke.

Galerie: Felskolosse im Gegenlicht


Zurück am flachen Ufer des String Lake

Als der Pfad schließlich den Talboden erreichte, überquerte ich eine urige hölzerne Fußgängerbrücke, unter der der Paintbrush Creek nun deutlich breiter und sanfter über unzählige Kiesel plätscherte, um sich nur wenige Meter weiter mit dem String Lake zu vereinen. Wieder zurück am Ausgangspunkt der Runde, schloss sich nicht nur der Weg, sondern auch der Kreis der Eindrücke. Das sanfte Nachmittagslicht tauchte den See nun in ein warmes Smaragdgrün. Während sich im Hintergrund die gewaltigen Silhouetten von Mount Woodring und Rockchuck Peak aufreihten, herrschte auf dem Wasser ein friedliches Treiben. Stand-up-Paddler glitten lautlos über das flache, glasklare Wasser, unter deren Boards die hellen Sandbänke und grünen Algenbänder wie ein lebendiger Teppich durch die Oberfläche schimmerten. Ganz zum Schluss, als ich den Blick noch einmal weit nach Norden schweifen ließ, zeigte sich mir schließlich noch der letzte Riese des Tages: Der wuchtige, majestätische Gipfel des Mount Moran thronte über den dichten Wäldern des Leigh Lake und bildete mit seinen markanten Gletscherrinnen den perfekten, krönenden Abschluss eines unvergleichlichen Wandertages in den Grand Tetons.

Galerie: Rückkehr zur Postkartenidylle

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