Träume aus Stein und Zypressenduft – Das Castello di Giomici
Als ich am Abend des 12. Juni im Castello di Giomici nahe Perugia ankomme, weicht die Hektik der Reise augenblicklich einer tiefen, andächtigen Ruhe. Die dicken, rauen Natursteinmauern und der mächtige, quadratische Wehrturm ragen wehrhaft in den umbrischen Himmel und flößen mir sofort Respekt vor den vergangenen Jahrhunderten ein. Es fühlt sich an wie ein bewusster Schritt aus der Gegenwart hinein in eine Epoche voller Ritter und Schlossherren.
Dieser Eindruck verstärkt sich, als ich mein Zimmer beziehe: Die Räume strahlen eine tiefe Historie aus, atmen den Duft von altem Holz und Stein und hüllen mich in eine behagliche, fast ehrfürchtige Atmosphäre. Am Abend werde ich mit einem hervorragenden Abendessen verwöhnt, das die erdigen, ehrlichen Aromen Umbriens perfekt auf den Teller bringt – ein kulinarisches Willkommen, das den Geist der Region atmet.
Der nächste Morgen belohnt mich mit einem magischen Ausblick. Als ich aus erhöhter Perspektive über die Anlage blicke, liegt der gepflasterte Innenhof noch friedlich im sanften Frühlicht. Die dichten Reihen wettergegerbter Terrakotta-Ziegeldächer leuchten in warmen Erd- und Orangetönen. Zur anderen Seite hin öffnet sich der Blick in ein idyllisches Paradies: Eine weitläufige Steinterrasse mit einem langen Esstisch wartet auf gesellige Stunden, während schlanke, tiefgrüne Zypressen wie treue Wächter emporragen. Dahinter verliert sich das Auge in den endlosen, bewaldeten Hügelketten Umbriens, die im Dunst des Morgens sanft verschwimmen.
Galerie I: Die Idylle der Burg
Perugia: Das steinerne Labyrinth der Oberstadt
Die Fahrt nach Perugia führt mich direkt in das pulsierende Herz der Geschichte. Mein Einzug in die umbrische Hauptstadt könnte kaum monumentaler sein: Ich durchschreite den majestätischen Arco Etrusco. Vor diesem elf Meter hohen Riesen aus gewaltigen, mörtellosen Travertin-Blöcken fühle ich mich winzig. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Epochen hier ineinanderfließen – der antike etruskische Rundbogen wird von einem römischen Fries überragt und auf der linken Seite von einer filigranen Renaissance-Loggia gekrönt.
Hinter dem Tor nimmt mich das wundervolle Labyrinth Perugias gefangen. Jeder Schritt auf dem rauen Pflaster ist ein Genuss. Die Gassen sind eng und steil, die hellen Natursteinfassaden der Palazzi ragen so hoch empor, dass sie das Sonnenlicht nur in schmalen Streifen auf den Boden lassen. Atemberaubend sind die Orte, an denen massive, gemauerte Strebebögen sich in schwindelerregender Höhe kühn von einer Hauswand zur nächsten spannen, um die riesigen Gebäude statisch abzusichern. Ich lasse mich einfach treiben, passiere den Palazzo Gallenga Stuart, dessen warme, ockerfarbene Barockfassade mit den rötlichen Fensterrahmen einen eleganten Kontrast zur rauen, mittelalterlichen Steinarchitektur und den aufragenden Geschlechtertürmen bildet.
Galerie II: Paläste, Brunnen und gotische Pracht
Schließlich stehe ich auf der Piazza IV Novembre, dem unbestrittenen, lebendigen Mittelpunkt der Stadt. Hier thront die prachtvolle Fontana Maggiore. Ihre weißen und rosa Marmorreliefs glänzen in der Sonne und erzählen wie ein steinernes Bilderbuch Geschichten von Heiligen und Sternzeichen, während feines Wasser aus der dunklen Bronzeschale plätschert. Der Platz wird eingerahmt von monumentaler Architektur: Auf der einen Seite die gewaltige Flanke des Palazzo dei Priori, der mit seinen wehrhaften Zinnen und den stolzen Bronzefiguren von Greif und Löwe über dem Hauptportal fast wie eine uneinnehmbare Festung wirkt. Direkt daneben schmiegt sich der Erzbischöfliche Palast an den Platz, vor dessen rustikaler Steinfassade sich das bunte Treiben der Straßencafés unter großen weißen Sonnenschirmen ausbreitet.
Am Rande der Piazza passiere ich den Palazzo Capocci, in dessen gotischem Erdgeschossportal der Eurochocolate Store untergebracht ist und mich mit dem süßen Duft der berühmten Baci-Schokolade verführt. Direkt gegenüber zieht mich die unvollendete Flanke der Cattedrale di San Lorenzo in ihren Bann – das geometrische Rautenmuster aus rosa und weißem Marmor stoppt abrupt und gibt den Blick frei auf das raue, ursprüngliche Mauerwerk. Doch als ich das Innere der Kathedrale betrete, stockt mir der Atem: Ich stehe in einer riesigen, spätgotischen Hallenkirche. Gewaltige, rot marmorierte Säulen tragen ein hohes Kreuzrippengewölbe, das über und über mit farbenprächtigen Renaissance-Fresken ausgemalt ist. Kronleuchter tauchen den andächtigen Raum in ein warmes, goldenes Licht. Wieder draußen folge ich der schier endlosen Längsfassade des Palazzo dei Priori entlang des Corso Vannucci, wo bunte, historische Banner an den Erdgeschoss-Arkaden im Wind wehen und dem mächtigen Steinbau eine feierliche Lebendigkeit verleihen.
Galerie III: Das monumentale Zentrum
Das Dolce Vita und die Entdeckung der Unterwelt
Um all diese Eindrücke zu verarbeiten, zieht es mich auf die charmante Piazza Danti direkt vor den Palazzo Turreno. Die symmetrische, ockerfarbene Fassade mit den gleichmäßigen Rundbogenfenstern und den grünen Pflanzkästen strahlt eine wunderbare Eleganz aus. Bei einem perfekten Espresso im Straßencafé genieße ich das pure Dolce Vita: Das Vorbeiknattern einer Vespa, das lebendige Stimmengewirr der Passanten und der Blick auf die alten Mauern lassen mich die Zeit vollkommen vergessen.
Doch Perugia hält noch ein ganz anderes, geheimnisvolles Gesicht bereit. Mein Weg führt mich buchstäblich eine Ebene tiefer – hinein in die faszinierende Unterwelt der Stadt. Zuerst erkunde ich die archäologischen Ausgrabungen unter den Fundamenten der Oberstadt. Ein moderner, dunkler Laufsteg führt mich tief hinein in kühle, steinige Hallen. Hier stehe ich Auge in Auge mit gigantischen etruskischen und römischen Mauern. In einer der dämmrigen Kammern stoße ich auf ein kreisrundes, mystisches Heiligtum: Die Pfeiler sind mit archaischen, rot-braunen Streifen und Zackenmustern verziert, und in einer Wandnische entdecke ich eine historische Putzzeichnung des Greifen von Perugia.
Der absolute Höhepunkt der Unterwelt ist jedoch die Rocca Paolina. Diese gigantische Renaissance-Festung wurde im 16. Jahrhundert über einem damals lebendigen Stadtviertel errichtet. Wenn man durch die riesigen Gewölbehallen mit ihren wunderschönen rötlichen Terrakottaböden im Fischgrätmuster wandert, wird einem fast schwindelig vor Ehrfurcht. Man geht durch monumentale Torbögen, die einst normale Hauseingänge unter freiem Himmel waren, und blickt an mauerhohen Tonnengewölben empor. Moderne Strahler setzen die rauen Backsteinstrukturen perfekt in Szene, während tiefe Rundbogenfenster in den meterdicken Mauern vereinzelt Tageslicht hereinlassen. An einer Wand prangt eine große, in den Stein eingelassene Marmortafel mit einer lateinischen Inschrift, die wie ein steinernes Gedächtnis an die bewegte Papstgeschichte dieser Felsenburg erinnert.
Galerie IV: Kaffeepause und unterirdische Welten
Über den Dächern zum grünen Paradies
Als ich wieder ans Tageslicht trete, zieht es mich zu den erhöhten Aussichtspunkten der Stadt. Der Blick von hier oben ist atemberaubend: Ein schier endloses Meer aus braunen und roten Terrakotta-Dächern breitet sich vor mir aus, aus dem die gigantische Basilika San Domenico mit ihrem markanten, durchbrochenen Glockenturm majestätisch hervorragt. Beim Abstieg durch die steilen Gassen passiere ich die Kirche Sant’Ercolano, die mit ihrer wuchtigen, achteckigen Form und der barocken, zweiläufigen Freitreppe wie ein wehrhafter Festungsturm direkt mit der alten Stadtmauer verschmilzt. Wenig später stehe ich auf der Piazza Giordano Bruno direkt vor der rauen, unvollendeten Westfassade von San Domenico, deren waagerechte Steinschichten eine ungeheure, ursprüngliche Kraft ausstrahlen. Nur ein paar Schritte weiter leuchten die beeindruckenden neogotischen Zwillingspalazzi in warmen Terracotta- und Ockertönen im weichen Tageslicht.
Mein Weg führt mich weiter nach Süden zur Piazza Italia, dem eleganten, politischen Zentrum Perugias. Hier reihen sich die prachtvollen Paläste des späten 19. Jahrhunderts aneinander. Der monumentale Palazzo Cesaroni besticht durch seine neoklassizistische Symmetrie und den rötlich-goldenen Dachfries, während davor ein dunkles Reiterstandbild aus Bronze thront. Direkt gegenüber bildet der Palazzo della Provincia mit seinen hohen Rundbogenarkaden einen schattigen Wandelgang, und hoch oben auf seinem Dachgiebel wacht eine riesige Bronzeskulptur des geflügelten Greifen über den Platz. Eingebettet in diese Palastzeilen liegt die kleine Kirche Sant’Isidoro, deren schmale Renaissance-Fassade mit vier weißen Säulen wie ein antikes Tempelportal wirkt.
Galerie V: Aussichten und die Pracht der Piazza Italia
Schließlich erreiche ich die geschichtsträchtige Porta San Pietro. Von der Stadtseite aus präsentiert sich das Tor in rustikalem Naturstein – und hält eine magische Überraschung bereit: Durch den geöffneten Torbogen hindurch blickt man wie in einem perfekten Bilderrahmen die Straße hinunter direkt auf den spitzen Glockenturm der Abtei San Pietro. Als ich das Tor durchschreite und zurückblicke, zeigt es sein zweites Gesicht: Eine prächtige Renaissance-Schaufassade aus hellem Stein, die einem römischen Triumphbogen nachempfunden ist. Direkt daneben öffnet sich eine grüne Oase: Die Giardini del Frontone. Das Flanieren zwischen den Alleen aus jahrhundertealten Steineichen tut nach dem harten Stadtpflaster unheimlich gut. Die Kieswege führen mich entlang perfekt symmetrischer Rasenflächen direkt zum Arco dell’Arcadia am Ende des Gartens. Auf der Spitze dieses kleinen Triumphbogens breitet erneut eine Skulptur des geflügelten Greifen stolz ihre Schwingen aus.
Galerie VI: Die Tore und Gärten von San Pietro
Das große Finale im Kunsttempel von San Pietro
Mein endgültiges Ziel ist der historische Klosterkomplex von San Pietro, der sich majestätisch vor der weiten umbrischen Hügellandschaft erhebt. Als ich vor der Westfassade der Basilika stehe, fasziniert mich ihr schachbrettartiges Muster aus rosa und weißem Marmor, in dessen Zentrum eine riesige, kunstvoll gemeißelte Fensterrose wie ein steinernes Rad liegt. Der Zugang zur Abtei verbirgt sich hinter einer eleganten, klassizistischen Bogenmauer, über der die markante Turmspitze aufragt.
Als ich das Innere des Klosters betrete, empfängt mich eine vollkommene, klösterliche Stille. Der erste große Renaissance-Kreuzgang, der Chiostro Maggiore, besticht durch seine filigranen Rundbogenarkaden auf schlanken Säulen und eine sanfte, hellgrüne Fassade. Richtet man hier den Blick gen Himmel, ragt der monumentale, polygonale Glockenturm direkt über einem empor. Nur wenige Schritte weiter öffnete sich der Chiostro delle Stelle. Hier dominiert der warme, rötliche Backstein der dreistöckigen Fassaden, und mitten auf dem leicht bemoosten Pflaster steht ein wunderschöner, alter Steinbrunnen mit einem kleinen Säulendach.
Den krönenden und überwältigenden Abschluss bildet das Innere der Basilika San Pietro. Der Raum gleicht keiner gewöhnlichen Kirche, sondern einem riesigen Kunstmuseum. Zwei Reihen mächtiger, dunkler Marmorsäulen tragen Rundbögen, über denen die Wände lückenlos mit monumentalen, farbgewaltigen Ölgemälden bedeckt sind. Über mir thront eine tiefdunkle Holzkassettendecke, deren reiche Vergoldungen im sanften Licht schimmern. In den Seitenschiffen reihen sich prunkvolle Barockaltäre aneinander, deren schwere, vergoldete Rahmen fast wie eigenständige Skulpturen wirken, während sich das Licht auf dem alten Terrakottaboden spiegelt.
Galerie VII: Das monumentale Erbe von San Pietro
Am tiefsten Punkt der Kirche erreiche ich das Presbyterium rund um den Hochaltar. Umgeben von dem kunstvoll geschnitzten, dunklen hölzernen Chorgestühl, den mächtigen Orgelemporen an den Seiten und dem riesigen, goldverzierten Baldachin unter den lebendigen Deckenfresken verharre ich in andächtigem Staunen. Als ich schließlich den Hügel hinabsteige und durch die dichten grünen Baumkronen ein letztes Mal empor zu den wuchtigen Außenmauern und der rötlichen Pyramidenspitze des Glockenturms blicke, weiß ich, dass diese Reise durch das geschichtsträchtige Umbrien unvergesslich bleiben wird.
Galerie VIII: Der sakrale Kunstschatz








































