Vom Tal in das Reich der Eisriesen
Schon die Auffahrt mit der Gornergrat Bahn gleicht einer Reise in eine andere Welt. Langsam schiebt sich der Zug aus dem Tal empor, vorbei an den sonnengebräunten Holzhütten des Alpendorfs Zermatt, das sich tief unten ausbreitet. Über den Dächern und den modernen Hotelbauten thront von der ersten Minute an der unbestrittene König der Alpen: das Matterhorn. Seine gewaltige Felspyramide bohrt sich schneebedeckt in den makellosen, tiefblauen Himmel. Mit zunehmender Höhe weitet sich der Blick. Auf der linken Seite zieht der markante, bewaldete Bergrücken des Höhbalmen an uns vorbei, dessen Hänge steil über den letzten Häusern aufragen. Weiter im Hintergrund geht dieser majestätische Gebirgszug sanft in die rauen Höhen des Triftjes und der Mettelhorn-Kette über.
Als wir unseren Blick nach Nordwesten wenden, dominiert die karge Flanke des Wisshorns und des Platthorns die Kulisse. Ganz oben am Grat zeichnen sich zwei kleine, felsige Zacken scharf gegen das Licht ab – eine charakteristische Gesteinsformation unterhalb des Wisshorngipfels, die wie eine kleine Gabel in den Himmel ragt. Tief unten im Tal spenden dichte Lärchen- und Arvenwälder sowie sattgrüne Weiden einen lebendigen Farbkontrast zum grauen Fels. Schliesslich blicken wir über das tief eingeschnittene Mattertal hinweg und entdecken das Zinalrothorn. Mit seiner scharfen, nadelartigen Felsform fasziniert dieser Viertausender jeden Alpinisten und glänzt im harten Kontrast zwischen purem Granit und ewigem Eis.
Galerie I: Aufbruch im Zermatttal
Als sich die Wagentüren an der Endstation Gornergrat auf 3’089 m ü. M. öffnen, verschlägt es uns fast den Atem. Die Luft hier oben ist eisig, dünn und von einer unvergleichlichen Klarheit. Direkt vor uns breitet sich das gewaltige System des Gornergletschers aus. Der breite Eisstrom des Grenzgletschers fliesßt hier mit unglaublicher Trägheit mit dem Hauptgletscher zusammen, durchzogen von dunklen Linien aus Geröll – den Mittelmoränen, die wie gezeichnete Strassen im ewigen Eis wirken. Am Horizont baut sich eine Mauer aus Eisriesen auf: Das mächtige, strahlend weiße Breithorn und die sanfteren Schnee-Doppelkuppen von Castor und Pollux formen eine unendliche Winterlandschaft. Am sogenannten Schwarztor sticht die dunkle Felswand von Roccia Nera hervor, die einen herben Kontrast zu den weiten Firnfeldern bildet.
Wir spazieren am Kulmhotel Gornergrat vorbei zur Aussichtsplattform, die noch einmal 35 Meter höher liegt. Das markante Hotelgebäude wird flankiert von den beiden silbernen Kuppeln der historischen Sternwarten. Hier oben, wo die Lichtverschmutzung minimal und der Himmel zum Greifen nah ist, wurde bis 2010 bedeutende Astronomiegeschichte geschrieben – im Nordturm wurde die Sonne beobachtet, während im Südturm interstellare Moleküle erforscht wurden.
Doch der Blick wird immer wieder magnetisch vom Matterhorn angezogen. Aus dieser Perspektive zeigt sich der ikonische Pyramidenstumpf in seiner ganzen Härte. Der Hörnligrat zieht sich als messerscharfe Linie von rechts unten zur Spitze, während die steile Nordwand im kalten Schatten liegt. Rechts davon schmiegt sich der flache Theodulgletscher an die Flanke, eingebettet in eine karge, mondähnliche Steinwüste aus Geröll und Moränen. Dreht man sich weiter nach Osten, eröffnet sich das nächste Superlativ: das Mischabel-Massiv. Das spitze Ober Gabelhorn, das schroffe Zinalrothorn und die makellose Pyramide des Weisshorns reihen sich auf wie Perlen an einer Kette. Tief unten in dieser kargen Landschaft leuchtet der künstlich angelegte Speichersee Hohtälli wie ein tiefblauer Saphir. Am rechten Ende des Horizonts thronen schliesslich Dom und Täschhorn – die höchsten Riesen, die komplett auf Schweizer Boden stehen. Ihre steilen Fels- und Eisflanken wirken neben den weißen Flächen des Alphubel-Gletschers unnahbar und wild, während im direkten Vordergrund der karge Rücken des Oberrothorns von den feinen Serpentinen des einsamen Wanderwegs durchzogen wird.
Galerie II: Gipfelwelten auf dem Gornergrat
Der Weg der Spiegelungen und Eiswände
Der Abstieg vom Gornergrat in Richtung Rotenboden führt uns auf einen klassischen, gerölligen Gratweg, der sich über die karge alpine Hochebene zieht. Das weltberühmte Matterhorn steht dabei als unerschütterlicher, zentraler Blickfang direkt vor uns und weist uns den Weg. Zur linken Seite fallen die Ausläufer des Zwillings- und des Schwärzegletschers steil und schroff ins Tal ab, während am Horizont darüber die eisgepanzerten Häupter des Breithorns sowie von Castor und Pollux thronen. Zur Rechten erhebt sich die schneebedeckte Kette von Ober Gabelhorn und Wellenkuppe auf der gegenüberliegenden Talseite wie eine Festung aus Eis und Granit.
Je weiter wir nach Süden wandern, desto überwältigender öffnet sich der Blick auf das gewaltige Monte-Rosa-Massiv und den tief unten liegenden Gornergletscher. Die mächtigen, von tiefen Spalten durchzogenen Nordwände des Massivs – allen voran die eisigen Zacken des Liskamms (4’527 m ü. M.) – beherrschen die linke Bildhälfte. Tief im Talboden fließt der majestätische Grenzgletscher mit dem Gornergletscher zusammen, ein ewiger Strom aus strahlend weißem Eis, der einen harten Kontrast zu der herbstlich-braunen, kargen Hochgebirgslandschaft und dem tiefblauen Himmel bildet. Als wir den Blick an den steilen Felsabbrüchen direkt unterhalb der Gornergrat-Aussichtsplattform hinaufschweifen lassen, entdecken wir zwei winzige Silhouetten: Personen, die dort oben verweilen, um diese Ewigkeit in Bildern festzuhalten. Direkt vor dem mächtigen Matterhorn schiebt sich nun das Riffelhorn (2’931 m ü. M.) ins Sichtfeld – eine markante, dunkle Felsnadel, die Alpinisten gerne als anspruchsvolle Trainingstour vor einer Matterhorn-Besteigung nutzen. Während wir weiter absteigen, bleibt dieses ungleiche Duo direkt vor uns, während links die gewaltigen Felsbänder von Nordend (4’609 m) und der Dufourspitze (4’634 m) – dem höchsten Gipfel der Schweiz – in den Himmel ragen.
Galerie III: Der Weg zum Riffelhorn
Wir folgen dem steinigen, von losem Geröll geprägten Pfad weiter steil bergab. Vor uns leuchtet bald ein tiefblaues Auge in der kargen Landschaft: der Riffelsee, direkt gefolgt von seinem kleineren Bruder, dem Unteren Riffelsee. Je weiter wir an Boden verlieren, desto massiver und dominanter schiebt sich das dunkle, pyramidenförmige Riffelhorn in unser Blickfeld, während auch die ikonische, schneebedeckte Spitze des Matterhorns (4’478 m ü. M.) zum Greifen nah erscheint. Auf der linken Seite werden wir auf Schritt und Tritt von den hängenden Gletschern des Breithorn-Massivs begleitet. Es ist eine Kulisse von so unberührter, erhabener Schönheit, dass wir das Gefühl haben, durch ein unendliches Alpenparadies zu wandern. Das Riffelhorn wirkt nun wie ein mächtiger Wächter aus reinem Fels, der im goldenen Licht des Spätsommers erstrahlt.
Galerie IV: Annäherung an die Seen
Schließlich erreichen wir das Ufer des Riffelsees. Das Wasser ist so glasklar, dass im flachen Vordergrund die feinen, welligen Strukturen des schlammigen, hellgrün-bräunlichen Seebodens bis ins Detail zu erkennen sind. Eingefasst von grauen Steinblöcken und spärlichem, vom Herbst gezeichnetem Alpengras, liegt der See vollkommen windstill vor uns. Die Wasseroberfläche wirkt wie ein perfekter, flüssiger Spiegel: Sie wirft ein makelloses, tiefblaues Abbild des Matterhorns und seiner Nachbargipfel zurück. Die gesamte Szenerie wird von einem intensiven Azurblau dominiert, das den Himmel und das Wasser miteinander verschmelzen lässt. Als wir am Ufer entlanggehen und den Blick in die entgegengesetzte Richtung nach Südosten wenden, erleben wir ein zweites Naturschauspiel: Auch das gewaltige Monte-Rosa- und das Breithorn-Massiv spiegeln sich nun in vollendeter Symmetrie im glatten Wasser, während zwischen den fernen Gipfeln die mächtigen, weißen Eisströme des Grenz- und Gornergletschers unaufhaltsam zu Tal ziehen.
Galerie V: Das stehende Bild der Alpen
Das weite Panorama des Talschlusses
Der alpine Wanderweg schlängelt sich weiter durch die karge, herbstlich-braune Berglandschaft und führt uns schliesslich weg von den beiden Riffelseen. Vor unseren Augen öffnet sich nun die spektakuläre Viertausender-Kette der Walliser Alpen auf der gegenüberliegenden Talseite von Zermatt. Die gewaltige Kulisse zieht uns sofort in ihren Bann. Wenn wir den Blick von rechts nach links schweifen lassen, reihen sich die Giganten majestätisch aneinander: Ganz rechts thront der mächtige, freistehende Riese der Dent Blanche (4’357 m), gefolgt von der flacheren, schneebedeckten Wellenkuppe (3’901 m) und dem direkt daneben aufragenden, nadelartigen Gipfel des Ober Gabelhorns (4’063 m). Weiter links sticht der schroffe, felsige Zacken des Zinalrothorns (4’221 m) hervor, bis die Kette schliesslich am linken Bildrand vom Weisshorn (4’506 m) gekrönt wird, dessen makellose, schneebedeckte Pyramide wie ein perfektes Dreieck in den Himmel ragt.
Während wir unseren Weg in Richtung der Station Riffelberg fortsetzen, öffnet sich auf der rechten Talseite der Blick auf ein weiteres Superlativ. Dort dominiert der gewaltige, massive Dom das Panorama. Als Hauptgipfel der Mischabelgruppe ist er der höchste Berg, der sich mit seiner kompletten Basis auf Schweizer Boden befindet. Direkt links an seine Flanke schmiegt sich das Täschhorn, dessen etwas spitzerer Gipfel im harten Kontrast zum wuchtigen Dom steht. Auch das Matterhorn lässt uns nicht los und zeigt uns beim Blick zurück noch einmal seine beeindruckende Ostwand und den Hörnligrat.
Galerie VI: Die Parade der Viertausender
Je näher wir der Station Riffelberg kommen, desto dramatischer wird der Tiefblick. Unser Blick folgt der tiefen Fluchtlinie des Mattertals nach Norden. Weit hinten am Horizont, wo das Tal scheinbar endet, rahmen die markanten, schneebedeckten Gipfel der Berner Alpen auf der gegenüberliegenden Seite des Rhonetals den Talschluss ein. Auf der linken Seite sticht sofort die auffällige, freistehende und spitze Felspyramide des Bietschhorns (3’934 m ü. M.) ins Auge, das wegen seiner eleganten Form völlig zurecht als „Matterhorn des Berner Oberlands“ bezeichnet wird. Weiter rechts in der hinteren Kette ragt das mächtige, stark vergletscherte Aletschhorn (4’194 m ü. M.) empor, flankiert von den anschliessenden, eisgepanzten Gipfelstrukturen des Schinhorns (3’796 m ü. M.) und Nesthorns (3’824 m ü. M.).
Schliesslich erreichen wir die Station Riffelberg auf 2’582 m ü. M. Hier trifft die wilde Bergwelt auf gelebte Geschichte: Das traditionsreiche Hotel Riffelhaus aus dem Jahr 1853 und das rustikale Steingebäude von Buffet & Bar Riffelberg stehen wie steinerne Zeugen der ersten Alpinisten vor der gewaltigen Kulisse aus ewigem Eis. An diesem geschichtsträchtigen Rastplatz nehmen wir Abschied von einem wahren Alpenparadies – erfüllt von der Weite der Landschaft und mit dem festen Vorsatz, schon bald wiederzukommen, vielleicht bereits im nächsten Sommer.
Galerie VII: Der Abschied am Riffelberg






























