Pyrenäen-Pässe und tiefe Canyons: Von Montferrer nach Torla-Ordesa

3. September 2022

Der Morgen beginnt mit dem beruhigenden Summen des Motors, als ich von Adrall aus auf die C-14 einbiege und Kurs nach Süden setze. Die Straße folgt dem weiten Lauf des Flusses Segre, der sich silbern durch das Tal schlängelt. Schon nach wenigen Kilometern verändert sich das Gesicht der Landschaft dramatisch. Die sanften Hügel weichen den ersten Vorboten einer ungezähmten Bergwelt: Mächtige, schwindelerregend steile Kalksteinwände ragen links und rechts empor und bilden das monumentale Tor zu den Pyrenäen-Ausläufern. Das Gestein schimmert in einem kühlen Hellgrau, fast weiß im gleissenden Sonnenlicht, durchsetzt von tiefen, schattigen Spalten.

Mein Blick bleibt unwillkürlich an der markanten Silhouette der Serra d’Aubenç hängen. Wie ein unnahbarer Schutzwall baut sie sich vor mir auf, gipfelnd in der flachen Felskrone des El Coscollet. Mit seinen 1.610 Metern dominiert er die gesamte Region Alt Urgell. Seine Kappe wirkt flach und glatt, fast wie von Riesenhand zurechtgeschlagen, während die Flanken in schroffen Kaskaden nach unten brechen.

Wenig später erreiche ich den Oliana-Stausee, der eingebettet in diese raue Bergwelt wie eine funkelnde Oase wirkt. Das Wasser des Pantà d’Oliana leuchtet in einem intensiven, fast unwirklichen Türkisblau. Mitten aus den Fluten erhebt sich eine einsame, felsige Landzunge – ein winziges, zerklüftetes Eiland, das der Strömung trotzt. Am Ufer zeigt sich ein breiter Streifen aus hellen, trockenen Steinen und ausgewaschenem Geröll, der stumme Zeuge des wechselnden Wasserstandes. Darüber spannen sich die steilen Hänge der Berge auf, deren karge Vegetation im harten Kontrast zum tiefen Blau des Himmels steht.

Impressionen zwischen Fels und Fluten

Ein Stück weiter verharre ich am Ufer eines Seitenarms. Die historische Steinbogenbrücke Pont de l’Espina überspannt elegant das ruhige Wasser. Ihre alten, von der Zeit gezeichneten Steine erzählen Geschichten aus vergangenen Tagen, während sich im Hintergrund erneut die mächtige Serra d’Aubenç erhebt. Aus dieser tieferen Perspektive, direkt am glitzernden Wasser, wirkt der El Coscollet noch ein Stück gigantischer und ehrfurchtgebietender.

Die Reise führt mich weiter südwärts nach Balaguer in der Provinz Lleida. Hier weicht die wilde Natur für einen Moment der Geschichte. Schon von Weitem grüßt die Silhouette der Stadt, dominiert von zwei monumentalen Bauwerken. Auf einer Anhöhe thront das Heiligtum Santuari del Sant Crist. Seine eleganten Kuppeltürme zeichnen sich scharf gegen den Horizont ab, und das filigrane Metallkreuz auf dem Glockenturm fängt die Sonnenstrahlen ein. Direkt daneben lagern die stummen Überreste der maurischen Festung Pla d’Almatà unter schützenden, modernen Dächern.

Nur wenige Schritte weiter erhebt sich die imposante Kirche Santa Maria de Balaguer. Die gotische Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert fasziniert mich sofort durch ihren warmen, rötlich-goldenen Sandstein, der im fahlen Licht der Pyrenäen-Vorberge fast zu glühen scheint. Der gewaltige, achteckige Glockenturm ragt wie ein steinerner Wächter in den Himmel und verleiht der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht.

Historische Schätze in der Provinz Lleida

Nach diesem geschichtlichen Exkurs zieht es mich zurück in die raue, ungezähmte Einsamkeit der Natur. Ich erreiche die Region um Colungo in der Sierra de Guara, und die Landschaft verändert sich schlagartig. Hier haben die Elemente über Jahrtausende hinweg Meisterwerke aus Stein geschaffen. Mein erster Halt bringt mich an den Rand des Barranco de las Palomeras. Der Blick in diese extrem enge, tief eingeschnittene Schlucht ist schwindelerregend. Die Wände aus grobem Konglomeratgestein sind tief ausgewaschen und wirken, als hätte ein Bildhauer Wellen in den Fels gemeißelt. Mediterranes Gebüsch und knorrige Steineichen krallen sich todesmutig in die Ritzen. Die Schlucht ist so schmal, dass sich die Felsen am oberen Rand fast berühren und den Blick auf den Himmel zu einem schmalen Streifen verengen – ein mystischer Ort, an dem der Zufluss in den Haupt-Canyon des Río Fornocal mündet.

Wenig später erreiche ich den berühmten Aussichtspunkt Mirador del Río Vero. Was für ein monumentales Panorama! Vor mir öffnet sich der gigantische Canyon des Río Vero. Auf der rechten Seite brennen die rötlich-grauen Kalksteinwände des Tozal de Mallata förmlich im Licht. In ihren windzerfressenen Nischen und Höhlungen verbergen sich die Jahrtausende alten Geheimnisse prähistorischer Höhlenmalereien.

Tief unten im Schluchtgrund windet sich der Río Vero wie ein schmales, grünes Band durch eine dichte, mediterrane Vegetation. Als ich dem schmalen, kurvenreichen Wanderweg ein Stück weit hinab folge, verändert sich die Perspektive. Die rötlich-orangefarbenen Felswände der Covacho de Mallata scheinen über mir zu schweben, während im feuchten Grund der Schlucht schlanke, hellgrüne Pappeln wie Lanzen emporragen und einen wunderschönen Kontrast zu den warmen Erdtönen des Steins bilden.

Die wilden Schluchten der Sierra de Guara

5. September 2022

Der nächste Morgen beginnt im idyllischen Colungo. Bevor ich dem Ruf der Wildnis wieder folge, spaziere ich über den sanft ansteigenden, gepflasterten Aufweg des aragonischen Bergdorfs. Vor mir erhebt sich die Iglesia de San Esteban. Die spätgotische Hallenkirche aus dem 16. Jahrhundert strahlt eine tiefe, ländliche Ruhe aus. Ihr charakteristischer, hoch aufragender achteckiger Glockenturm schneidet scharf in den morgendlichen Himmel, während das vorgelagerte Eingangsportal im sanften Schatten liegt. Es ist ein friedlicher Abschied von der Zivilisation, denn schon kurz hinter dem Dorf reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick frei auf das, was diese Reise so unvergleichlich macht: die nackte, gewaltige Geologie der Pyrenäen.

Schon bald schiebt sich eine Legende in mein Sichtfeld – die Peña Montañesa. Mit ihren 2.295 Metern ist sie der unbestrittene König der Region Sobrarbe. Wie ein monumentales, isoliertes Kalksteinkastell bricht dieser Riese aus den dichten, sattgrünen Mischwäldern hervor. Seine schroffen Flanken leuchten in einem kühlen Silbergrau. Er bildet das trotzige, westliche Ende der Sierra Ferrera und zieht meinen Blick magisch an.

Als ich mich weiter durch die Täler bewege, inszeniert das Wetter ein dramatisches Schauspiel. Über den fernen, grauen Zacken der Sierra de Guara türmen sich mächtige, schneeweisse Gewitterwolken auf, die sich wie Ambosse im fahlen Licht blähen. Im harten Kontrast dazu steht das lebendige, fast grelle Grün der Steineichen und Kiefern im Vordergrund.

Wenig später, aus einer größeren Entfernung betrachtet, offenbart die Peña Montañesa ihre ganze architektonische Pracht: Ihre stufenartigen Klippenstürze wirken wie die Festungsmauern einer vergessenen Zivilisation. Rechts davon öffnet sich das Tor zu den inneren Pyrenäen. In weiter Ferne schimmern die wolkenverhangenen, mystischen Gipfel des echten Hochgebirges. Am Horizont zeichnen sich die legendären Dreitausender des Monte-Perdido-Massivs ab. Ganz links thront die markante, perfekte Pyramide des Cilindro de Marboré, dicht flankiert vom leicht abgeflachten, ehrfurchtgebietenden Monte Perdido selbst, der als dritthöchster Berg der Pyrenäen majestätisch über der kargen Felswüste des Marboré-Plateaus wacht.

Abschied von Guara und Blick auf die Riesen

6. September 2022

Ich nähere mich der gewaltigen Südwand der Peña Montañesa und halte den Atem an. Aus dieser Perspektive offenbart sich die gesamte, langgezogene Felswand der Sierra Ferrera in ihrer brutalen Schönheit. Ganz rechts bohrt sich der spitz zulaufende Hauptgipfel in die Wolken, während nach links die senkrecht abfallenden Kalksteinwände wie erstarrte Kaskaden wirken. Zu ihren Füßen erstrecken sich riesige, helle Geröllfelder – die Pedreras –, die wie versteinerte Flüsse aus Schutt in die dichten, grünen Nadelwälder übergehen.

Die Straße führt mich nun tiefer hinein in den Nationalpark Ordesa y Monte Perdido, wo die Natur tiefe Wunden in die Erde gerissen hat. Ich erreiche den Eingangsbereich der Gargantas de Escuaín. Hier hat sich der Fluss Río Yaga über Jahrtausende ein monumentales Bett tief in den Fels gegraben. Dichte Kiefernwälder klammern sich an die extrem steilen Hänge, unterbrochen von mächtigen, hellgrauen Kalksteinbändern, die wie Rippen aus der Erde ragen.

An den Aussichtspunkten bei Revilla und Escuaín wage ich den Blick über die Kante. Es ist ein schwindelerregendes Erlebnis. Die glatt gewaschenen Kalksteinwände fallen absolut senkrecht ab, fast vollständig von überhängendem, sattem Grün eingerahmt. Tief unten, kaum hörbar, gurgelt der Río Yaga in seiner ewigen, engen Klamm.

Wenig später erreiche ich den oberen Abschnitt des Cañón de Añisclo. Der Blick in diesen monumentalen Einschnitt ist atemberaubend. Das Tal wird von zwei gigantischen Felswänden flankiert: Rechts erheben sich die steilen, rötlich-grauen Klippen der Sestrales-Kette, links steigen die kargen Flanken des Mondoto empor. Die hiesigen Nadelwälder bilden einen sanften, fließenden Übergang zu den nackten, vom spärlichen Sonnenlicht gestreiften Gipfeln unter den weißen Quellwolken.

Am oberen Rand der Schlucht schaue ich noch einmal zurück. Die tiefen, rötlich-grauen Wände, die das Tal des Flusses Río Bellós einrahmen, fallen schroff ab, während ganz im Hintergrund wieder mein alter Bekannter auftaucht – das dunkle, mächtige Massiv der Peña Montañesa.

Zum Abschluss dieses Tages zeigt sich der Berg noch einmal in einer markanten Westansicht. Ihre charakteristische Kastenform wird hier besonders deutlich. Direkt daneben reckt sich der schroffe, felsige Gipfel des Pico Nabaín in die Höhe. Tief im Tal zwischen diesen beiden Riesen liegen winzige, einsame Dörfer des Sobrarbe-Gebiets verstreut, während sich über den hellen Kalksteinwänden ein grandioses, kontrastreiches Wolkenspiel entfaltet. Die Pyrenäen haben mich endgültig in ihren Bann gezogen.

Schluchten und Riesen des Nationalparks Ordesa

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