Zwischen Rhône und Pyrenäen: Auf den Spuren von Geschichte und Natur

29. Februar/01. März 2024

Der Weg führt schließlich weg Lyon, hinein in die sanfte Landschaft des Rhonetals. Wenn man dem Lauf des Flusses nach Süden folgt, erreicht man das malerische Städtchen Tournon-sur-Rhône. Hier weitet sich der Blick und atmet die Ruhe der Provinz. Am Ufer des mächtigen Flusses, dessen Wasser hier ruhig dahinfließt, drängen sich historische Häuserzeilen eng aneinander. Über ihnen, auf einem schroffen, grauen Granitfelsen, thront unnahbar das Château de Tournon. Mit seinen massiven Wehrmauern und Türmen aus dem 15. und 16. Jahrhundert wirkt es wie ein steinerner Wächter über das Tal. Am Kai liegt träge ein Flusskreuzfahrtschiff, während hoch oben auf dem gegenüberliegenden Hügelkamm ein kleiner Wachturm in den Himmel ragt. Es ist ein Ort der Kontraste, an dem die raue Natur des Zentralmassivs auf die sanften, sonnenverwöhnten Weinterrassen der Region trifft – ein perfekter, friedlicher Abschluss einer Reise durch die Epochen.

tournon sur rhône

Historischer Charme an der Rhone – Tournon-sur-Rhône

Doch die Reise ist hier noch lange nicht zu Ende. Schon eine halbe Stunde später zieht es mich hinauf auf die Anhöhen der Drôme. Bei Châteauneuf-sur-Isère erhebt sich die Butte du Châtelard aus der Ebene, ein kleiner Berg, den ich auf einem schmalen Pfad erklimme. Oben angekommen, öffnet sich eine weite Flusslandschaft. Die Isère beschreibt hier eine elegante, weite Schleife und gleitet mit stoischer Ruhe an dichten, bewaldeten Ufern und den flachen, roten Ziegeldächern einer ländlichen Siedlung vorbei. Das warme, weiche Licht des späten Nachmittags liegt wie ein goldener Schleier über der fernen Hügelkette am Horizont.

Ich drehe mich um und blicke nach Westen. Nur eine Minute zuvor stand die tiefstehende Sonne genau über dem spektakulären Wehr von Châteauneuf-sur-Isère. Das historische Bauwerk bändigt die Wassermassen, während rechts ein künstlicher Kanal schnurgerade abzweigt. Auf der spiegelglatten Oberfläche des Staubeckens brennt der Himmel in flammenden Farben, ein unvergesslicher Moment vollkommener Symmetrie und Ruhe, bevor die Straße mich weiterträgt, vorbei an einem alten Eisenbahnviadukt, das mit seinen schweren gemauerten Steinbögen und einem zentralen, roten Stahlträger kühn die Landstraße überspannt.

Impressionen aus dem Drôme-Tal

Die Reise macht einen gewaltigen Sprung nach Süden, hinein in das geschichtsträchtige Roussillon. Erste Station ist Perpignan, eine Stadt, in der an jeder Ecke die katalanische Seele spürbar ist. Mitten in den lebhaften Gassen der Altstadt steht man plötzlich vor der monumentalen Westfassade der Basilique-Cathédrale Saint-Jean-Baptiste. Ihr Äußeres fasziniert durch den typischen Kontrast aus roten Ziegeln und rund geschliffenen Flusssteinen, überragt von einem filigranen, geschmiedeten Eisen-Campanile, der sich scharf vom azurblauen Himmel abhebt. Tritt man durch das Portal, empfängt einen die feierliche Stille eines der breitesten gotischen Kirchenschiffe Frankreichs. Kein einziger Pfeiler bricht den Blick durch diese gewaltige Weite, die geradewegs auf den reich verzierten Altarraum führt, während links die monumentale Orgel aus dem 16. Jahrhundert mit ihren prächtigen Holzschnitzereien wie ein stummer Riese wacht.

Nicht weit entfernt leuchtet das stolze Wahrzeichen der Stadt auf: Le Castillet. Das wehrhafte, rote Backsteintor mit seinen markanten Zinnen und dem kleinen Wachturm erzählt von vergangenen Zeiten, als es noch die Stadtgrenze bewachte. Heute wehen die französische Trikolore und die rot-gelb gestreifte katalanische Flagge einträchtig im Wind über der belebten Place de Verdun.

Mein Weg führt mich weiter hinauf zur mächtigen Festungsanlage des Palais des Rois de Majorque. Schon im großen Ehrenhof zieht der quadratische Tour de l’Hommage alle Blicke auf sich. Er bewacht den Zugang zu einem architektonischen Juwel: dem zweistöckigen Innenhof. Hier schmiegt sich die Fassade der königlichen Kapelle Sainte-Croix in die Anlage, deren oberes, romanisches Marmorportal aus abwechselnd roten und weißen Steinschichten gefertigt ist. Breite Freitreppen und elegante, gotische Spitzbogen-Arkaden laden zum Verweilen ein. Steigt man schließlich hinauf auf die Wehrmauern, liegt einem ganz Perpignan zu Füßen. Der Blick wandert über die Symmetrie des gepflasterten Innenhofs, hinab zu den geometrisch angelegten Schlossgärten mit ihren tiefgrünen Mittelmeer-Pinien und reicht schließlich weit über das Häusermeer bis hin zu den bläulichen, wolkenverhangenen Silhouetten der Pyrenäen.

Das historische Erbe von Perpignan

Dem Ruf der Berge folgend, erreiche ich Prades im Herzen des Conflent. Auf der belebten Place de la République herrscht südfranzösische Gelassenheit; die Menschen sitzen im Schatten der markanten, noch unbelaubten Platanen vor den Cafés. Direkt daneben ragt die Église Saint-Pierre empor. Streift man an ihrer rauen, aus grobem Naturstein gefügten Außenwand entlang, spürt man das historische Erbe dieses Ortes. Im Inneren offenbart sich eine barocke Pracht, die ihresgleichen sucht: Ein riesiges, goldenes Altarretabel dominiert das Kirchenschiff, das momentan von einem filigranen Schutznetz überspannt wird, was der spirituellen Atmosphäre jedoch keinen Abbruch tut.

Nur wenige Kilometer weiter taleinwärts verengt sich das Tal und ich erreiche die komplett von Festungsmauern umschlossene Stadt Villefranche-de-Conflent. Schon von der Außenstraße beeindrucken die mächtigen Vauban-Befestigungen mit dem runden Tour du Diable, während hoch oben auf dem Bergrücken das unnahbare Fort Libéria thront. Drinnen in den kopfsteingepflasterten Gassen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. An der pittoresken Place de l’Église wirft eine kunstvolle historische Sonnenuhr ihren Schatten an die Hauswand, während im Hintergrund die steilen, bewaldeten Hänge der Pyrenäen aufragen. Direkt daneben steht die Wehrkirche Saint-Jacques. Ihr wehrhafter Glockenturm und das romanische Portal strahlen eine unerschütterliche Beständigkeit aus, besonders wenn das klare Winterlicht durch das nackte Geäst eines großen Baumes ein lebendiges Schattenspiel auf den alten Stein zaubert.

Begegnungen in Prades und Villefranche

Hinter Villefranche beginnt der eigentliche, spektakuläre Aufstieg in die alpine Bergwelt. Die Route Nationale 116 windet sich in engen Kurven durch die tiefe Schlucht des Flusses Têt. Plötzlich überspannt ein monumentales Bauwerk das Tal: der Pont Séjourné. Dieses zweistöckige, steinerne Viadukt ist ein absolutes Meisterwerk der Ingenieurskunst, erbaut für den berühmten Train Jaune, der sich hier seinen Weg durch die Bergwelt bahnt.

Je höher ich komme, desto rauer und majestätischer wird die Landschaft. Bei einem Blick zurück öffnet sich das weite Têt-Tal in seiner ganzen Pracht. Tief unten schmiegt sich das kleine Bergdorf Sauto malerisch an die steilen Hänge, umgeben von kargen Bergwiesen. Am Horizont erheben sich nun die schroffen, mächtigen Gipfel der östlichen Pyrenäen, die bereits stolz ihre erste weiße Schneedecke tragen – ein erhabener, eisiger Gruß zum Abschluss dieser Reise.

Der Aufstieg in die Bergwelt

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