Ein Sommertag im steinernen Herz von Bordeaux

11. September 2022

Der Morgen in Bordeaux beginnt mit einem Licht, das die ganze Stadt in einen warmen, honigfarbenen Glanz taucht. Wenn man durch die Straßen schlendert, versteht man sofort, warum Victor Hugo einst sagte, Versailles und Antwerpen zusammen ergäben Bordeaux. Die Stadt atmet Geschichte, doch sie tut es mit einer jugendlichen Leichtigkeit, getragen vom sanften Wind, der von der Garonne herüberweht.

Mein Weg führt mich zuerst zum monumentalen Place Pey-Berland. Hier steht sie, die Cathédrale Saint-André. Ihre Nordfassade ist ein Meisterwerk der Hochgotik, das sich fast unwirklich scharf gegen den stahlblauen Sommerhimmel abhebt. Zwei mächtige, 81 Meter hohe Doppeltürme ragen wie steinerne Nadeln empor, verziert mit filigranen Fialen, die wie feinste Spitze wirken. Direkt über dem tief in die Fassade eingelassenen Nordportal mit seinen kunstvollen Skulpturen funkelt eine riesige Fensterrose im Sonnenlicht. Nur wenige Schritte weiter verändert sich die Perspektive: Das weitläufige Kirchenschiff zeigt sich von der Seite, hüllt sich jedoch teilweise in ein dichtes Netz aus modernen Baugerüsten und weißen Planen. Es ist ein faszinierender Kontrast – die jahrhundertealte, raue Textur des hellen Sandsteins trifft auf die geometrische Kühle der Gegenwart, während die Kathedrale behutsam für die Zukunft bewahrt wird.

Einige Meter abseits des Hauptschiffs ragt die Tour Pey-Berland empor. Dieser freistehende Glockenturm ist ein architektonisches Kuriosum und ein absoluter Blickfang: Seine Spitze wird von einer prachtvollen, goldenen Madonna gekrönt, die im direkten Sonnenlicht wie eine kleine Flamme am Himmel leuchtet.

Tritt man schließlich durch die schweren Portale in das Innere der Kathedrale, empfängt einen eine feierliche, kühle Stille. Der Blick wird unweigerlich nach oben gezogen, wo sich ein monumentales Kreuzrippengewölbe in prächtigen Bögen über das Hauptschiff spannt. Die feinen Säulenbündel an den Wänden wirken grazil und tragen dennoch die immense Last des Steins. Am Ende des langen Mitteschiffs, im hochgotischen Chor, bricht sich das Tageslicht in den kunstvollen Buntglasfenstern und wirft rote, blaue und goldene Farbtupfer auf den historischen Hallenboden.

Bildergalerie I: Die monumentale Kathedrale Saint-André

Vom sakralen Zentrum zieht es mich weiter in Richtung Flussufer, wo Bordeaux seine eleganteste, weltliche Seite zeigt. Ich betrete den Place de la Bourse und bin augenblicklich von der vollkommenen Symmetrie der barocken Prachtbauten gefesselt. Die hufeisenförmigen Palastfassaden mit ihren klassischen Mansarddächern und kleinen Türmchen umschließen den weitläufigen, gepflasterten Platz. Inmitten dieser architektonischen Harmonie plätschert der monumentale Brunnen der drei Grazien. Seine bronzenen Figuren glänzen dunkel und elegant vor dem hellen Sandstein der Paläste und dem endlosen Blau des Himmels.

Ich wende mich wieder den engen Gassen der Altstadt zu, um die historischen Tore der Stadt zu erkunden. Der Übergang vom weitläufigen Börsenplatz in das mittelalterliche Viertel ist wie eine Reise durch die Jahrhunderte. Plötzlich stehe ich auf dem Place du Palais vor dem Porte Cailhau. Flankiert von zwei klassischen Wohnbauten wirkt das spätgotische Wehrtor aus dem Jahr 1495 wie aus einem Märchen entsprungen. Mit seinen spitzen Kegeldächern, den Wehrzinnen und der zentralen Laterne erinnert es an ein kleines Schloss. Zu seinen Füßen pulsiert das französische Leben: Die blauen Sonnenschirme und rustikalen Weinfässer einer Außengastronomie laden zum Verweilen ein, während Fußgänger entspannt durch den offenen Torbogen schlendern.

Ein ganz anderes, fast römisches Gefühl vermittelt kurz darauf die Porte de Bourgogne. Dieser monumentale Triumphbogen aus dem 18. Jahrhundert besticht durch seine strenge, klassizistische Symmetrie. Das mächtige Rustika-Mauerwerk aus grob behauenen Quadersteinen und die kannelierten Pilaster strahlen pure Kraft aus. Durch den großen, halbkreisförmigen Bogen blickt man auf das saftige Grün einer dahinterliegenden Parkanlage, während ringsherum das moderne Stadtleben mit Autos und historischen Straßenlaternen pulsiert.

Bildergalerie II: Plätze, Tore und urbane Impressionen

Mein Rundgang nähert sich dem lebendigen Viertel Saint-Michel. Schon von Weitem weist mir „La Flèche“, der Pfeil von Bordeaux, den Weg. Der 114 Meter hohe, freistehende Glockenturm der Basilika Saint-Michel ist ein wahrer gotischer Riese und der höchste seiner Art in Südfrankreich. Seine durchbrochene, feingliedrige Turmspitze scheint den Himmel regelrecht zu durchbohren. Zu seinen Füßen, auf dem geschäftigen Place Meynard, herrscht buntes Treiben: Marktstände, schattenspendende Bäume und gut besuchte Cafés prägen das Bild, während im Hintergrund die eigentliche, prachtvolle Basilika aufragt.

Den krönenden Abschluss dieses Tages bildet der Besuch der Grosse Cloche. Ich schlendere durch die schmale, gemütliche Rue Saint-James, deren mehrstöckige Sandsteinhäuser mit ihren gusseisernen Balkonen den Blick perfekt rahmen. Am Ende der Gasse erhebt sich das imposante, mittelalterliche Glockentor aus dem 15. Jahrhundert. Seine zwei runden Wehrtürme mit ihren dunklen Kegeldächern umschließen einen großen Bogen, in dem die gewaltige, 7,8 Tonnen schwere Glocke thront. Direkt darunter prangt die kunstvolle astronomische Uhr von 1759 mit ihren goldenen Details. Es ist ein magischer Anblick, der die reiche Geschichte dieser Stadt perfekt zusammenfasst, während das warme Abendlicht langsam die Gassen flutet.

Bildergalerie III: Das lebendige, gotische Herz der Altstadt

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