Auf verschlungenen Pfaden zu den Hasenohren
Der Morgen bricht mit einem makellosen, tiefblauen Himmel an. Die Luft riecht nach frischem Harz und getrocknetem Berggras, während die Sonne bereits angenehm die Haut wärmt. Das Thermometer zeigt gefühlte 22 Grad – perfektes Wanderwetter in den Rocky Mountains. Ein leichter, unregelmäßiger Windhauch sorgt für eine willkommene Abkühlung, während die Schritte auf den Pfaden rund um den Rabbit Ears Pass widerhallen. Eigentlich soll die Route direkt zum Rabbit Ears Peak führen, doch das Fehlen eines Hinweisschildes am Parkplatz lenkt den Tag unerwartet in eine andere, wunderbare Richtung.
Der Weg gabelt sich nach links und führt direkt auf den malerischen Ginny’s Trail. Was als Orientierungsfehler beginnt, entpuppt sich schnell als glückliche Fügung. Der Pfad schmiegt sich sanft an das Ufer des idyllischen Dumont Lake. Mit jeder Biegung, die der Weg beschreibt, öffnet sich eine neue, noch faszinierendere Perspektive auf das tiefblaue Gewässer. Das Blau des Sees rivalisiert mit dem des Himmels, eingebettet in das warme Gold und sanfte Grün der weiten Hochmoore und Almwiesen. Kontrastiert wird diese Weite von den dunklen, spitzen Silhouetten der Nadelbäume, die wie Wächter am Uferrand stehen. Am Wegesrand wiegen sich zarte Wildblumen im sanften Wind und setzen Farbakupunkte in das herbstlich anmutende Gelb der Gräser.
Impressionen vom Dumont Lake
In der Ferne, hoch über der sanften Hügellandschaft, taucht schließlich das eigentliche Tagesziel auf: die markante Doppelspitze der „Ears“, die wie die Ohren eines aufmerksamen Hasen in den Himmel ragen. Ein Blick auf die digitale Karte verrät, dass in etwa einer halben Meile Entfernung ein Pfad zurück zum Hauptweg führt. Zumindest fast. Um dorthin zu gelangen, fordert die Natur ein kleines Abenteuer. An einer vielversprechenden Stelle geht es querfeldein etwa 250 bis 300 Meter steil den dichten Wald hinauf. Der Waldboden federt unter den Sohlen, während das Licht in vereinzelten Strahlen durch das dichte Blätterdach bricht.
Oben angekommen, zeigt die Online-Karte zwar die exakte Position des Trails an, doch vom eigentlichen Pfad fehlt jede Spur. Das Unterholz hat sich das Terrain komplett zurückgeholt. Da die Motivation schwindet, jetzt noch weiter weglos nach oben zu steigen, fällt die Entscheidung zur Umkehr: Nach gut 400 bis 500 Metern des Abstiegs nach unten durch das unwegsame Gelände wird die Geduld belohnt – plötzlich und wie aus dem Nichts kreuzt der Rabbit Ears Peak Trail den Weg.
Ein Blick zurück offenbart die immense Höhe, die bis hierhin bereits bewältigt wurde. Es ist mittlerweile 10:54 Uhr. Nach anderthalb Stunden Wanderung wird die Dimension des geschlagenen Bogens im Gelände erst richtig greifbar. Der Dumont Lake ist zu einem kleinen, funkelnden Saphir geschrumpft, der tief unten im Tal liegt, umrahmt von einem endlosen Meer aus dunkelgrünen Nadelwäldern.
Der Aufstieg über die Waldgrenze
Der Pfad führt nun durch die alpine Zone, wo die Bäume spärlicher werden und die Landschaft rauer wird. Schroffe, felsige Hänge wechseln sich mit steilen Grasmatten ab. Am Horizont schieben sich langsam bauschige, weiße Schönwetterwolken vor das tiefe Blau des Himmels und werfen wandernde Schatten auf die welligen Gebirgskämme.
An dieser Stelle bietet die Umgebung eine wunderbare Kulisse für unvergessliche Aufnahmen. Die vulkanische Natur der Region wird unübersehbar. Düstere Nadelwälder klammern sich hartnäckig an die steilen Flanken der welligen Kammlinie, während darüber die nackten Felsbänder thronen. Und dann zeigt er sich in seiner vollen Pracht: der mächtige, vulkanische Felszahn des Rabbit Ears Peak, der majestätisch über den unendlichen Wäldern wacht und Zeugnis von der feurigen Vergangenheit dieser Landschaft ablegt.
Vom Aussichtspunkt aus schweift der Blick ehrfürchtig in die Ferne. Im Norden erhebt sich die markante, fast perfekt symmetrische Pyramide des Hahn’s Peak. Dahinter erstrecken sich die unendlichen, bläulich schimmernden Bergsilhouetten der Rocky Mountains im weichen Mittagslicht, während tief unten das Yampa Valley im Dunst der Ferne liegt. Es ist ein Moment absoluter Stille und grenzenloser Freiheit.
Am Gipfel des Rabbit Ears Peak
Nachdem diese herrlichen Aufnahmen im Kasten sind, beginnt der Abstieg zurück zum Auto. Der offizielle Trail erweist sich auch auf dem Rückweg als Herausforderung – streckenweise ist er stark zugewachsen und im dichten Grün kaum mehr zu erkennen. Umso größer ist die Erleichterung, als die Lichtung mit dem Parkplatz wieder in Sicht kommt und das vertraute Auto erreicht ist. Ein wohlverdientes, herzhaftes Mittagessen im Freien rundet das Wanderabenteuer ab, bevor die Fahrt durch die spektakuläre Berglandschaft in Richtung Steamboat Springs zum Hotel fortgesetzt wird.








