Das Erwachen der Bergwelt im Val Piora
Das Abenteuer beginnt mit einem sanften Ruck. Unter uns rattert die geschichtsträchtige Ritombahn, und während wir in den roten Wagen stehen, spüren wir die fast schwindelerregende Neigung von bis zu 87,8 %. Draussen zieht die grüne Tessiner Landschaft in rasantem Tempo an uns vorbei, während sich die Bahn in nur zwölf Minuten beharrlich die steile Flanke hinauf zur Bergstation Piora kämpft. Oben angekommen, empfängt uns die kühle, klare Bergluft auf rund 1800 Metern über dem Meeresspiegel. Ein leichter, unbeschwerter Spaziergang von etwa zwanzig Minuten führt uns durch die sanft erwachende Hochebene zum mächtigen Staudamm des Lago Ritom.
Schon hier zieht uns die Kulisse in ihren Bann. Unser Blick schweift weit über das Tal hinweg direkt nach Süden. Dort thronen die felsigen, vom Sonnenlicht scharf gezeichneten Gipfel der Gotthard-Gruppe. Ihre mächtigen Ausläufer trennen wie eine unüberwindbare, steinerne Mauer das Haupttal der Leventina vom westlich gelegenen Val Lavizzara. Besonders markant erheben sich der Pizzo d’Olino und der Pizzo di Prata, deren graue Felsgrate einen rauen Kontrast zum tiefen Blau des Himmels bilden. Nur zehn Minuten später halten wir erneut inne und blicken talauswärts in Richtung Biasca und Bellinzona. Auf der rechten Seite begleiten uns stets die steilen Hänge der Gotthard-Südausläufer, während sich auf der linken, östlichen Talseite die sanfteren, im warmen Licht schimmernden Ausläufer der Adula-Alpen erstrecken. Die mächtigen Flanken des Pizzo del Sole und die markante Silhouette des Pizzo Prevat prägen hier das Landschaftsbild.
Am Seeufer angekommen, blicken wir nach Nordosten über das weite Wasser des Lago Ritom. Genau in der Mitte des Panoramas ragt der majestätische Pizzo Garzon als gewaltige, scharfkantige Pyramide empor. Direkt davor und etwas rechts unterhalb steht der kleinere Pizzo Toira, ein weich geformter, kegelförmiger Vorberg, dessen Hänge mit sattgrünen Bergmatten überzogen sind. Weiter rechts schliessen sich die schroffen, dunklen Gipfel des Pizzo Pioda und des Pizzo d’Invert an, die wie eine gezackte Krone den Horizont begrenzen. Auf der linken Seite rundet der sanfte, grasbewachsene Bergrücken der Motta das Bild ab, an dessen Fuss sich die schmale Uferstrasse sanft entlangwindet. Bevor wir den See verlassen, drehen wir uns noch einmal um und blicken nach Südwesten über die Staumauer hinweg zurück ins Valle Leventina, wo die fernen Gipfel im Dunst des Vormittags blau schimmern.
Galerie I: Das Tor zum Val Piora und die Weite des Ritómsees
Nun verlassen wir das sanfte Ufer des Lago Ritom, und der Weg beginnt merklich anzusteigen. Auf unserem Pfad nach oben in Richtung des Lago di Tom verändert sich die Szenerie Schritt für Schritt. Die weiten Täler weichen einer intimeren, raueren Berglandschaft, die nun vom markanten, dunklen Felsgipfel des Pizzo Tom dominiert wird. Seine mächtige, fast bedrohlich wirkende Felswand schiebt sich immer wieder in unser Blickfeld, während wir über saftige, von bunten Alpenblumen getupfte Alpwiesen wandern. Es ist ein steiniger, aber lohnender Aufstieg, bei dem sich jeder Schritt wie der Weg zum reinen Glück anfühlt. Ein kurzer Blick zurück belohnt uns mit einer fantastischen Vogelperspektive auf den nun tief unter uns liegenden Lago Ritom, der wie ein riesiger, saphirblauer Saphir im grünen Talbett ruht.
Oben angekommen, stockt uns der Atem. Vor uns öffnet sich ein völlig unerwartetes, surreales Panorama. Eingebettet in ein karges Hochtal liegt der Lago di Tom auf 2020 Metern. Direkt hinter dem Seebecken ragt die dunkle, abweisende Felswand des Pizzo Tom empor, an die sich rechts der etwas niedrigere Iréi anschliesst – ein grasbewachsener Doppel-Vorgipfel, der steil nach rechts abfällt. Doch was diesen Ort so magisch macht, liegt direkt vor unseren Füssen: der weltberühmte, strahlend weisse Strand aus zerkleinertem Zuckerdolomit-Gestein. Das helle Gestein lässt das Wasser am Ufer in einem fast karibischen Türkis leuchten.
Wir blicken über die glitzernde Seefläche zu einer kleinen, urigen Alphütte, hinter der sich der sanfte, grüne Bergrücken der Motta erhebt. Direkt daneben ragt der spitzere Grasgipfel des Iréi empor und rahmt das idyllische Tal perfekt ein. Ganz im fernen Hintergrund, weit über das Valle Leventina hinweg, funkeln die bläulich schimmernden, schroffen Zacken der Corona di Redòrta und des Pizzo di Prata am Horizont. Wir steigen vollends zum Ufer hinab und spazieren direkt auf dem feinen, hellen Sandstrand entlang. Aus dieser flachen Perspektive wandelt sich die Karibik-Atmosphäre plötzlich in eine wilde, unberührte Einsamkeit. Die Landschaft wirkt fast arktisch, wie eine karge, zeitlose Mondlandschaft inmitten der Alpen. Die gewaltigen, grasbewachsenen Berghänge umschliessen den See wie eine natürliche Festung aus Stein und schenken uns ein tiefes Gefühl von Ruhe und Abgeschiedenheit.
Galerie II: Das alpine Paradoxon am weissen Strand des Lago di Tom
Über goldene Grate ins Herz des Pioratals
Hinter der Alpe führt uns der Weg unerbittlich nach oben. Unten am Strand wirkte der Lago di Tom noch wie eine sanfte, langgezogene Bucht. Doch je höher wir steigen, desto eindrucksvoller verwandelt sich das Bild: Als wir schliesslich oben auf dem Grat stehen und den Blick hinabwerfen, stockt uns der Atem. Der See offenbart aus dieser Perspektive die perfekte, beinahe unwirkliche Form eines dunkelblauen Herzens. Der strahlend helle Sandstrand umrahmt das tiefe Blau auf der rechten Seite wie ein leuchtendes Band aus flüssigem Silber. Auf diesem rauen Abschnitt verlieren wir manchmal den Pfad und traben einfach querfeldein über die kargen Matten. Doch die weite, unberührte Einsamkeit und die wilde Kraft dieser alpinen Bergwelt lassen uns die Anstrengung, die uns der Aufstieg abverlangt, augenblicklich vergessen. Die Umgebung verströmt eine tiefe Ruhe, Freiheit und eine unendliche Weite weit oben über der Baumgrenze. Das warme, goldene Sonnenlicht tanzt auf dem weichen, herbstlich braun gefärbten Alpengras und kündet leise vom nahenden Jahreszeitenwechsel.
Galerie III: Die Vogelperspektive über den Höhen des Pioratals
Wenig später erreichen wir eine markante Anhöhe, von der aus wir tief hinab auf das obere Pioratal blicken können. In einer sanften Senke ruht der schimmernde Lago Cadagno auf 1921 Metern. Dieser See ist weltberühmt für seine biologische Einzigartigkeit – ein mystisches Gewässer aus zwei Wasserschichten, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Salz- und Dichteverhältnisse niemals miteinander vermischen. Am vorderen, unteren Ufer ducken sich die urigen Steinhäuser der Alpsiedlung Murinasco in die Landschaft. Etwas weiter rechts, elegant an einer Wegschleife gelegen, breitet sich die grosse Alpe Piora aus, auf der in den Sommermonaten der kostbare Piora-Käse traditionell hergestellt wird. Flankiert wird dieses Becken auf der linken Seite vom gewaltigen Pizzo Garzon, dessen dunkle, schroffe Felswände beinahe senkrecht zum See hin abfallen, dicht gefolgt von der spitzen Pyramide des Pizzo Pioda. Im Hintergrund dominieren der breite, hellere Rücken des Pizzo d’Invert und die scharfe, dunkle Felszacke der Punta Negra den Horizont.
Doch die Neugier treibt uns weiter: Wir wollen den nächsten Hügel erklimmen, in der Hoffnung auf eine noch spektakulärere Aussicht. Oben angekommen, werden wir reich belohnt. Vor uns öffnet sich ein sensationelles Zwei-Seen-Bild. Auf der linken Seite funkelt der Lago Cadagno, während sich rechts unten der hintere Ausläufer des Lago Ritom ins Blickfeld schiebt. Über dem Ritomsee zieht sich der langgezogene, dicht bewaldete Rücken der Motta entlang, dessen dunkle Nadelwälder steil zum Ufer abfallen. Am östlichen Horizont ragt die schroffe Kette empor, angefangen beim spitzen Pizzo d’Invert über die zackige Punta Negra bis hin zum mächtigen, felsigen Bergrücken des Pizzo Taneda. Genau in der Mitte des fernen Horizonts erkennen wir die flache Einsattelung des Passo dell’Uomo, dem historischen Übergang zum Lukmanierpass, hinter dem die hellen, pyramidenförmigen Spitzen des Pizzo del Sole majestätisch in den Himmel ragen.
Galerie IV: Das Panorama der zwei Seen
Die kühle Höhe drängt uns schliesslich wieder hinab ins Tal. Beim Abstieg entfaltet sich vor unseren Augen eine faszinierende, unberührte Moorlandschaft. Ein dichtes, elegant mäanderndes Netzwerk aus schmalen Bachläufen und kleinen Wassertümpeln zieht sich durch den Talboden. Das feine Wasser liegt spiegelglatt in den Senken und reflektiert das gleissende Licht des Himmels. Die feuchten Böden sind von saftig grünem Alpengras und Moos bedeckt, und überall an den Ufern wiegen sich die filigranen, weissen Tupfen des Wollgrases sanft im Wind. Am fernen Horizont bricht diese Idylle jäh ab: Das Gelände steigt steil an, und die schroffen, grauen Felswände und Schutthalden des Pizzo Tom-Massivs bilden einen harten, faszinierenden Kontrast zur sanften Ebene. Die Farbpalette ist messerscharf zweigeteilt – unten herrschen die frischen, lebendigen Grün- und Blautöne der wasserreichen Moorebene, oben schliessen die kargen, erdigen Grau- und Brauntöne des nackten Felsens die Welt ab. Kurz vor dem Erreichen des Lago Cadagno passieren wir die historischen, wettergegerbten Steinhäuser von Murinasco. Direkt hinter den Hütten schießt die steile, grüne Bergflanke des Pizzo Garzon empor. Es ist ein Ort, der das erhabene Gefühl einer wilden Flussmündung vermittelt, die sanft in einen stillen Bergsee übergeht.
Galerie V: Moorlandschaften und lebendige Tradition
Wir wandern weiter talwärts und stossen schliesslich wieder auf den berühmten Piora-Lehrpfad. Hier breitet sich der Lago Ritom erneut in seiner vollen Pracht vor uns aus. Im Vordergrund erstreckt sich eine flache, weiche, gelb-grüne Schwemmebene, durch die sich mehrere kleine Bachläufe wellenförmig und spielerisch in den tiefblauen See schlängeln. Während links der bewaldete Hang der Motta steil abfällt, zieht sich rechts der schroffe Hang des Pizzo Toira empor, an dessen Flanke sich unser Wanderweg sanft entlangwindet. In weiter Ferne lässt sich bereits die Staumauer erahnen. Am Horizont, exakt in der Lücke hinter dem See, ragen die scharfen, hellgrauen Zacken der Gotthard-Gruppe empor, während feine, weisse Schleierwolken den strahlend blauen Himmel verzieren.
Nach einer wohlverdienten Lunchpause setzen wir unseren Weg direkt am Seeufer fort. Der Pfad ist steinig, wunderbar naturbelassen und schmiegt sich eng an die bewachsene Felsflanke zu unserer Linken. Über uns erstreckt sich ein dichter Lärchenwald. Das dichte Nadelkleid der Bäume filtert das Sonnenlicht und zaubert ein wunderschönes, lebendiges Spiel aus Licht und Schatten auf den Waldboden. Immer wieder bleiben wir stehen, tief beeindruckt von der mächtigen Kulisse der gegenüberliegenden Bergkette, die sich über den dunklen Wäldern erhebt, während am linken Rand ein wilder Wasserfall weiss schäumend ins Tal stürzt. An einer kleinen Bucht halten wir inne. Wie durch ein natürliches, dunkles Fenster aus Nadelbäumen blicken wir auf das Wasser. Die Oberfläche des Sees ist hier so ruhig und glatt, dass sich die grünen Berghänge und der blaue Himmel perfekt darin spiegeln. Am linken Ufer bildet die helle Block- und Steinschüttung des Stausees einen grossartigen farblichen Kontrast zum tiefen Blau des Wassers, während wir weit oben am gegenüberliegenden Hang den feinen Verlauf des Höhenwegs erahnen können.
Galerie VI: Der Rückweg entlang des Ritómuferwegs
Schliesslich schliesst sich der Kreis. Basia und ich wandern gemütlich zurück zur Bergbahn und lassen uns von den roten Wagen wieder hinunter ins Tal gleiten. Unten angekommen, treffen wir endlich meine Frau Hani, Simon und Ania wieder. In einem gemütlichen Café sitzen wir beisammen, die Hände um warme Tassen geschlossen, und lassen die herrlichen, unvergesslichen Eindrücke dieses Tessiner Bergtages bei einem cremigen Cappuccino glücklich ausklingen.
























