Montefalco: Ein Streifzug durch das steinerne Herz Umbriens

16. Juni 2024

Der Morgen in Montefalco empfängt mich mit einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel, der die warmen Farben der alten Steine intensiv leuchten lässt. Mein Streifzug durch diese geschichtsträchtige Stadt, die majestätisch über den Tälern des Topino und Clitunno thront, beginnt am imposanten Hauptzugang der mittelalterlichen Befestigungsanlage. Ich stehe vor der mächtigen Porta di Sant’Agostino. Das rustikale Stadttor aus dem 14. Jahrhundert wirkt wie ein trutziger Wächter der Zeit. Besonders faszinierend ist der obere Bereich des Turms: Schwalbenschwanz-Zinnen im ghibellinischen Stil und wehrhafte Gänge zeugen von der wehrhaften Vergangenheit der Gemeinde. Mittig auf der rauen Fassade prallt eine schlichte Wanduhr im Sonnenlicht, während ganz oben eine kleine Glocke unter einem Metallkreuz hängt. Der Blick durch den kühlen Rundbogen hinein in die sonnenbeschienene Altstadt ist wie der Beginn einer Reise in eine andere Epoche.

Ich folge der einladenden Straße und gelange direkt auf den Corso Goffredo Mameli. Die historische Gasse steigt leicht an und wird von dicht aneinandergereihten, mehrstöckigen Palazzi gesäumt. Auf der linken Seite dominieren helle Putzfassaden mit dunklen Fensterläden, während rechts das warme, raue Naturstein- und Ziegelmauerwerk den Blick gefangen nimmt. Vor den Eingängen kleiner Boutiquen setzen Terrakottatöpfe mit sattem Grün lebendige Akzente. Ein hölzerner Aufsteller der traditionsreichen Weberei Tessitura Pardi erinnert daran, dass Montefalco seit Jahrhunderten für seine edlen Leinenstoffe berühmt ist. Der scharfe, diagonale Schattenwurf der Häuserzeilen lenkt meine Schritte unaufhaltsam hinauf zum städtischen Mittelpunkt.

Am Ende des Corso öffnet sich der Raum und ich betrete die fast kreisrunde, prachtvolle Piazza del Comune. Mein Blick fällt sofort auf den monumentalen Palazzo Comunale, das Rathaus der Stadt, dessen Kern auf das Jahr 1270 zurückgeht. Die elegante Loggia mit ihren Rundbögen aus dem 15. Jahrhundert spendet den darunter aufgebauten Marktzelten angenehmen Schatten. Über der großen Aussichtsterrasse wehen stolz drei Flaggen, während der Blick weiter hinauf zur Giebelwand wandert, die von einer großen Uhr und dem dahinter emporragenden Glockenturm gekrönt wird. Auf dem weiten Pflaster herrscht ein geschäftiges, aber entspanntes Markttreiben.

Nur wenige Schritte weiter laden die sommerlichen Café-Terrassen [1630] unter großen, weißen Sonnenschirmen zum Verweilen ein. Die langgestreckten, cremefarbenen Gebäudefassaden mit ihren geschlossenen braunen Holzfensterläden versprühen puren italienischen Charme. Zwischen rustikalen Holzfässern und grünen Pflanzkübeln haben Radtouristen ihre Rennräder abgestellt – Montefalco ist offensichtlich auch ein begehrter Stopp für Aktivurlauber, die sich hier mit Blick auf die beeindruckende Barockfassade des Teatro San Filippo Neri [1631] erholen. Dieses ehemalige Kirchengebäude aus dem Jahr 1705 zieht mich mit seinen roten Backsteinen, monumentalen Pilastern und dem markanten Dreiecksgiebel in seinen Bann. Nach seiner Entweihung im Jahr 1860 fand der Sakralbau eine neue Bestimmung als städtisches Kulturzentrum.

Galerie: Das lebendige Zentrum rund um die Piazza

Anschließend zieht es mich in die stilleren Seitengassen, abseits des geschäftigen Hauptplatzes. Hier entdecke ich ein wahres Kleinod der Romanik: die Chiesa di Santa Lucia. Das kleine Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert schmiegt sich eng an die benachbarten Steinhäuser. Seine unregelmäßige Natursteinfassade, das schlichte Ziegeldach und ein zierlicher Glockengiebel verströmen eine berührende Zeitlosigkeit. Die hölzerne Rundbogentür ist von prachtvollen Töpfen mit violetten und roten Hortensien eingerahmt.

Als ich durch das Portal trete, empfängt mich im Inneren eine ganz besondere, sakrale Schlichtheit. Der einschiffige Raum verzichtet auf barocken Prunk. Stattdessen blicke ich nach oben in eine offene Dachstuhlkonstruktion aus dunklen Holzbalken und Terrakottaziegeln. Der Boden besteht aus abgetretenen, alten Backsteinfliesen, und an den schlicht verputzten Wänden lassen sich noch blasse Fragmente historischer Fresken erahnen. Das sanfte Tageslicht, das durch ein tief sitzendes, vergittertes Rundbogenfenster fällt, beleuchtet den schlichten Steinaltar. Dieser ist mit einem weißen Tuch bedeckt, mit frischen Blumen geschmückt und wird von einem farbintensiven Altarbild der heiligen Lucia überragt.

Wieder im warmen Sonnenlicht angekommen, folge ich dem Straßenverlauf bis zur geschichtsträchtigen Porta Camiano. Dieser rustikale Torbogen aus dem 13. Jahrhundert rahmt die umbrische Landschaft wie ein lebendiges Gemälde ein. Durch das Steintor hindurch blicke ich auf sanfte, im Dunst bläulich schimmernde Hügelketten, Zypressen und ein idyllisches Landhaus. Es ist ein Moment des Innehaltens, bevor ich meinen Weg zur Chiesa di San Bartolomeo fortsetze.

Die ehemalige Stiftskirche präsentiert sich mir zunächst auf einem sonnenübergossenen Vorplatz. Ihre schlichte, mächtige Steinfassade mit dem Rundbogenportal wird im Hintergrund von einem majestätischen, quadratischen Glockenturm aus rötlichen Backsteinen überragt. Als ich ein paar Schritte zurücktrete, eröffnet sich mir eine erweiterte Perspektive: Die trutzige Natursteinwand auf der linken Seite und ein ockerfarbenes Wohnhaus mit einem filigranen Schmiedeeisen-Balkon auf der rechten Seite rahmen das mittelalterliche Ensemble nun perfekt ein und verstärken die beeindruckende Tiefenwirkung dieses historischen Ortes.

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Mein Weg führt mich nun zu dem wohl imposantesten religiösen Zentrum der Stadt: dem Santuario di Santa Chiara della Croce. Die gewaltige, ungeputzte Backsteinfassade dieser barocken Klosterkirche der Augustinerinnen zieht sich imposant an einer ansteigenden Straße empor. Monumentale Pilaster, tief eingeschnittene Nischen und ein schwungvoller Dreiecksgiebel verleihen dem Bauwerk eine enorme visuelle Wucht. Ein moderner, barrierefreier Zugang mit einem geschmiedeten Eisengeländer fügt sich funktional an das langgestreckte Kirchenschiff an.

Gleich gegenüber erinnert ein mächtiger, zylindrischer Wehrturm [1653] an der alten Stadtmauer an die strategische Bedeutung Montefalcos. Der raue helle Naturstein des Rundturms ist stellenweise von Efeu bewachsen, während ein großer Laubbaum dichten Schatten auf den Gehweg wirft.

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Als ich das Innere des Santuario [1655] betrete, stockt mir kurz der Atem. Der weite Kirchenraum strahlt in barocker Pracht. Mächtige, weiß verputzte Pfeiler und hohe Rundbögen tragen das Gewölbe und führen den Blick geradewegs durch den symmetrischen Mittelgang zum Hauptaltar. Über der Vierung wölbt sich eine elegante Kuppel mit feinen Stuckarbeiten, während gläserne Kronleuchter von den Decken der Seitenschiffe herabhängen.

Ich trete näher an den prachtvollen, vergoldeten Hauptaltar [1658] heran. Kunstvolle Holzschnitzereien, farbige Marmorelemente und ein zentrales Ölgemälde umrahmen die gläserne, hell erleuchtete Nische unter dem Altarbild. Hier ruht der historische, unversehrte Leichnam der heiligen Klara von Montefalco. In den Seitenschiffen setzen sich die barocken Meisterwerke fort: Ein imposanter Seitenaltar der Kreuzigung, getragen von Säulen in warmen Pfirsich- und grünen Marmortönen, zieht mich mit seinen plastischen Putten und lebensgroßen Heiligenstatuen in den Bann.

Galerie: Im Inneren des Heiligtums der Heiligen Klara

Zum Abschluss meines Rundgangs passiere ich die Chiesa di Santa Illuminata [1662] aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ihre Renaissance-Fassade fasziniert durch den ungewöhnlichen, halbkreisförmigen Bogengiebel und das zentrale Rundfenster. Der vorgelagerte Portikus mit seinen vier eleganten Rundbögen lädt zu einer kurzen Rast ein, bei der der Blick erneut über die weite Landschaft schweifen kann.

Ich folge der verkehrsberuhigten Straße, flankiert von einem ockergelben Palazzo mit wuchtigen Strebepfeilern, in Richtung der Porta di San Leonardo. Der Blick durch diese Häuserschlucht bildet eine perfekte Fluchtlinie. Schließlich erreiche ich das parkähnliche, schattige Areal vor dem Museo di San Francesco. Die ehemalige Franziskanerkirche aus dem 14. Jahrhundert zeigt eine schlichte Natursteinfassade mit großen Marmorgedenktafeln. Im Schatten der kunstvoll beschnittenen Bäume befindet sich ein kleiner Spielplatz – ein wunderbarer Ort, an dem sich Historie und modernes Alltagsleben treffen.

Mein unvergesslicher Tag endet schließlich wieder auf der zentralen Piazza vor dem Palazzo de Cuppis. Die leicht geschwungene Backsteinfassade mit ihren markanten Schwalbenschwanz-Zinnen bildet eine traumhafte Kulisse. Ein weißer Fiat 500 Oldtimer parkt am Straßenrand und vollendet das Bild eines perfekten italienischen Sommertages. Beim Verlassen der Altstadt werfe ich noch einen letzten Blick zurück auf das Gesamtensemble des Santuario di Santa Chiara della Croce und die historische Porta della Spella. Der gewaltige, gotische Spitzbogen der Torruine, überwuchert von grünem Efeu, steht im Kontrast zur mächtigen Vierungskuppel der Klosterkirche und verabschiedet mich aus dieser Perle Umbriens.

Galerie: Monumentale Baudenkmäler und das Erbe der heiligen Klara

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