Es ist Sonntag, der 19. Juli. Die Sommersonne des Yellowstone-Nationalparks steht bereits am Himmel, als ich die Fahrt vom Madison Campground in Richtung Norden antreibe. Mein Ziel für den heutigen Tag ist der markante Bunsen Peak, doch wie so oft im Yellowstone beginnt das Abenteuer schon lange vor dem eigentlichen Wanderweg. Die Straße führt mich durch eine Landschaft, die in jeder Kurve ihre Jahrmillionen alte, geothermische Geschichte erzählt.
Schon bald weitet sich der Blick und der Nymph Lake taucht am Wegesrand auf. Der von geothermalen Quellen gespeiste See liegt spiegelglatt und tiefenentspannt inmitten dichter Nadelwälder. An seinen flachen Ufern schimmern helle, mineralische Ablagerungen im warmen Vulkansand – ein erster, stiller Vorbote der gewaltigen Naturkräfte dieses Parks.
Nur ein Stück weiter bricht die Ruhe abrupt auf. Ein dichter Stau aus am Straßenrand geparkten Autos signalisiert sofort: Eine Tiersichtung! Ich lasse den Wagen stehen und steige vorsichtig aus. Auf einer saftig grünen Wiese, die mit silbrig gebleichtem Totholz übersät ist, bewegt sich ein mächtiger Grizzlybär. Völlig unbeeindruckt von den staunenden Zuschauern sucht er am Waldrand nach Futter. Seine kraftvolle Silhouette vor dem dunklen Grün der Bäume brennt sich tief in mein Gedächtnis ein, bevor ich mich schließlich auf den Weg zum Bunsen Peak Trailhead mache.
Galerie: Auf dem Weg zum Trail
Der Aufstieg am Bunsen Peak beginnt moderat, doch schon nach den ersten Kehren lichtet sich der dichte Nadelwald und gibt die Sicht frei. Plötzlich öffnet sich der Blick in ein gewaltiges Bergtal. In der Ferne ragt der markante, pyramidenförmige Gipfel des Electric Peak majestätisch in den leicht bewölkten Sommerhimmel. Seine rötlichen und hellen Gesteinsschichten schimmern im klaren Licht, während sich davor der bewaldete Rücken des Terrace Mountain mit seinen hellen Abbruchkanten durch die Landschaft zieht. Tief unten breitet sich das weite, offene Swan Lake Flat aus – eine riesige Hochebene, bewachsen mit Salbeisträuchern, die im Wind wie ein silbrig-grüner Teppich wogen. Mittendrin glitzert der Swan Lake wie ein tiefblauer Saphir in der Sonne.
Mit jedem Höhenmeter gewinnt die Landschaft an Weite. Der Blick schweift weiter nach Südwesten, wo der plateauartige, mächtige Rücken des Mount Holmes die Aufmerksamkeit auf sich zieht. In seinen Felsmulden halten sich selbst im Hochsommer noch feine, weiße Schneefelder. Tief unten im Tal schneidet die Parkstraße als hauchdünner, grauer Faden durch die unendliche Wildnis. Aus dieser Perspektive wird der Glen Creek sichtbar, der sich in perfekten, engen Mäandern wie ein glitzerndes blaues Band durch das salbeigrüne Tal schlängelt.
Galerie: Der Aufstieg und die weiten Ebenen
Im oberen Drittel des Trails wird der Pfad schroffer und alpiner. An den steilen Serpentinen der Nordseite weicht die Vegetation zurück und es geht spektakulär in die Tiefe. Direkt am Abgrund ragen die zerklüfteten, fast gespenstisch wirkenden Felsnadeln des Cathedral Rock empor. Ihre senkrechten, ockerfarbenen Klippen stürzen fast senkrecht ab. Sie stehen wie steinerne Wächter über dem Tal, in dem man tief unten die hellen Sinterterrassen von Mammoth Hot Springs und das kleine Speicherbecken des Wasserreservoirs erkennen kann. Der schwindelerregende Tiefblick im Golden Gate Canyon zeigt zudem die kühne Brückenkonstruktion der Grand Loop Road, die sich über den Kingman Pass elegant durch die engen Felswände windet.
Galerie: Wilde Schluchten und steile Klippen
Schließlich erreiche ich das Gipfelplateau des Bunsen Peaks auf 2.610 Metern Höhe. Hier oben thront die kleine, hölzerne Funkhütte des Summit Lookout, die einsam den Elementen trotzt. Der Rundumblick von diesem höchsten Punkt ist überwältigend. Mein Blick wandert immer wieder zurück zum Electric Peak, der mich vollkommen fasziniert. Wenn die Schatten der Sommerwolken über seine mächtigen, zerklüfteten Westflanken wandern, treten die tiefen Rinnen und die raue Geologie des Riesen noch plastischer hervor.
In südwestlicher Richtung zeigt sich die schneebedeckte Dreier-Gipfelgruppe der zentralen Gallatin Range mit dem spitzen Antler Peak, dem The Dome und dem Bannock Peak. Die weißen Schneefelder in den steilen Felsfalten bilden einen scharfen Kontrast zum grauen Vulkangestein. Direkt daneben beeindruckt der Quadrants Mountain mit seiner breiten Pyramidenform und den halbmondförmigen Schneeresten an der Spitze. Auf der anderen Seite des Gipfels bricht der Berg steil in den tiefen, dicht bewaldeten Sheepeater Canyon ab, durch den sich der Gardner River wie ein wilder Strom gräbt, vorbei an der kreisrunden Senke der Sheepeater Flats.
Galerie: Das große Gipfel-Panorama
Nach einer ausgiebigen Rast auf dem Gipfel trete ich den Rückweg an. Wieder unten im Tal angekommen, schließt sich der Kreis dieses Wandertages auf Augenhöhe mit der Landschaft. Ich halte noch einmal inne, um die friedliche Atmosphäre der Flusslandschaft in mich aufzusaugen. Der Glen Creek fließt hier ruhig und gemächlich durch saftige, hellgrüne Bergwiesen. Der unendliche Teppich aus silbrig-grünen Salbeisträuchern verströmt im warmen Nachmittagslicht seinen würzigen Duft. Es ist ein wunderbar beruhigendes Bild und der perfekte, sanfte Abschluss für einen Tag voller alpiner Kontraste.
Galerie: Zurück im Tal


















