Black Canyon: Hitze, Fels und eine ungeplante Flussquerung
Es ist der 20. Juli, punkt 12:25 Uhr, als ich den Parkplatz kurz vor der Tower Falls Junction im Yellowstone-Nationalpark erreiche. Die hochstehende Mittagssonne brennt unbarmherzig vom Himmel, als ich den Rucksack schultere und mich an den Abstieg zum Fluss hinunter rüste. Schon nach wenigen Schritten auf dem serpentinenreichen Pfad öffnet sich die Erde vor mir. Der Black Canyon des Yellowstone River breitet sich in seiner gewaltigen Dimension aus. Tief unten im Tal schlängelt sich der mächtige Strom, ein breites Band in schimmernden Grün- und Grautönen, das sich tief in das raue Urgestein gegraben hat. Die steilen Hänge bieten ein raues Farbspiel: Das tiefe Dunkelgrün dichter Nadelwaldgruppen wechselt sich ab mit den fahlen, sandigen Gelbtönen trockener Sommergräser und den nackten, grauen Felswänden der Canyonwand. Die Luft riecht intensiv nach trockenem Kiefernholz und erhitzter Erde, während von weit unten bereits das dumpfe, stetige Grollen des Wassers heraufklingt.
Galerie: Der Abstieg in den Canyon
Der Weg führt mich unaufhaltsam tiefer in die Schlucht, bis ich vor der beeindruckenden Hängebrücke stehe. Ihre massiven, x-förmigen Stahltürme und die dicken Tragkabel wirken wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, das sich trotzig der wilden Natur entgegenstellt. Als ich die Brücke betrete, schwankt die Konstruktion leicht unter meinen Schritten. Genau in der Mitte bleibe ich stehen und wage den schwindelerregenden Blick direkt nach unten. Tief unter meinen Füßen presst sich der Yellowstone River als weiß schäumendes, wildes Wildwasser durch eine extrem enge, fast senkrechte Felsspalte. Das Getöse des Flusses ist hier oben ohrenbetäubend und die Gischt scheint die Luft trotz der Sommerhitze ganz leicht abzukühlen.
Nachdem ich die Brücke hinter mir gelassen habe und durch ein kleines, schattiges Waldstück gewandert bin, verändert sich die Landschaft schlagartig. Ich trete hinaus auf die endlos wirkende Salbeihochebene nördlich des Flusses. Hier herrscht eine fast andächtige Stille, nur unterbrochen vom leisen Rascheln des Windes. Die dominierende Farbe ist nun das matte Silbergrau des Wüsten-Beifußes (Sagebrush), das sich wie ein weicher Teppich über das wellige Plateau legt. Am fernen Horizont erheben sich majestätisch die schroffen Gipfel der Absaroka-Bergkette. Besonders der Hellroaring Mountain zieht meinen Blick an: Seine hellen, freiliegenden Granitstrukturen formen eine fast perfekte Kuppe, die sich scharf vom hellblauen Mittagshimmel abhebt. Es ist eine raue, urzeitliche Landschaft, in der man förmlich darauf wartet, dass hinter der nächsten Kurve eine Bisonherde auftaucht.
Galerie: Die Weite der Sagebrush-Ebene
Ich wandere weiter über das Plateau, fasziniert von dem grandiosen Rundblick. Wohin ich mich auch drehe, überall offenbaren sich neue, erdgeschichtliche Monumente. Im Südwesten dominiert die wuchtige, karge Flanke des Garnet Hill aus uraltem Gneis das Panorama, während im fernen Dunst nach Süden hin die bewaldeten Bergketten der Washburn Range mit dem Prospect Peak herüberschimmern. Auf der anderen Seite, weiter im Norden, blitzt hinter den Hügelketten des Buffalo Plateaus die markante, runde Kuppe des Overlook Mountain auf. Aus dieser erhöhten Position entdecke ich in einer Senke auch eine kleine, intensiv grüne Oase mit einer ausgetrockneten Innenfläche – ein kleiner, verlandeter Teich, der inmitten der kargen Umgebung wie ein farbiger Tupfen wirkt. Dahinter lässt sich bereits das tiefere Tal des Hellroaring Creek erahnen.
Galerie: Panoramen und Rundblicke auf dem Plateau
Da ich unbedingt direkt an das Wasser des Hellroaring Creek gelangen möchte, entscheide ich mich für den Weg querfeldein, da ich zuvor ein Hinweisschild falsch interpretiert habe. Ich schlage mich durch das dichte Salbeigebüsch und über steinige Hänge nach unten, bis ich schließlich am Flussufer stehe. Der Hellroaring Creek erweist sich als wunderschöner, wilder Gebirgsbach. Sein kristallklares, kaltes Wasser strömt geschwind über ein breites Bett aus unzähligen bunten Kieselsteinen und wird von mächtigen, hellgrauen Granitblöcken geteilt. Nach dem anstrengenden Marsch durch die pralle Sonne ziehe ich noch 2,5 Meilen flussaufwärts weiter und genieße die raue Schönheit dieses verborgenen Tals.
Doch auf dem Rückweg, den ich auf der gegenüberliegenden Flussseite antrete, wendet sich das Blatt. Das Schicksal meint es nicht gut mit meiner Ausrüstung: Vor einer halben Stunde hat meine Kamera unbemerkt meine zweite Wasserflasche zerdrückt – mein gesamter Vorrat ist ausgelaufen. Bei der drückenden Juli-Hitze stehe ich plötzlich ohne einen einzigen Schluck Wasser da. Vor mir liegt laut Plan ein 1,8 Meilen langer Umweg zurück zur offiziellen Hellroaring Creek Brücke, nur um danach wieder hier unten zu landen. Ein Blick auf die breite, flache Furt des Flusses lässt mich eine folgenschwere Entscheidung treffen. Ich will nicht umkehren. Ich behalte meine Wanderschuhe fest geschnürt an den Füßen, um auf den glitschigen, runden Steinen im Flussbett nicht den Halt zu verlieren, und wate entschlossen direkt durch das strömende, eiskalte Wasser an das andere Ufer. Nach etwa 20 Minuten Fußmarsch haben meine Schuhe das Wasser durch den Druck beim Gehen wieder komplett herausgepresst. Vor mir liegt nun noch ein harter, schweißtreibender Aufstieg von 55 Minuten bis hinauf zum rettenden Parkplatz – ein unvergessliches, staubiges Survival-Abenteuer im Herzen des Yellowstone.
Galerie: Am wilden Hellroaring Creek
















