Ein herbstlicher Traum aus Smaragd und Gold: Rückblick auf den 07.10.2015
Es war ein goldener Oktobertag, als mein Sohn Victor und ich uns aufmachten, um das verborgene Juwel der Rocky Mountains zu erklimmen. Die Luft im Dead Horse Canyon schmeckte kühl und klar nach Kiefernadeln und feuchtem Stein. Schon die ersten Schritte auf dem Trail machten deutlich, dass uns dieser Weg nichts schenken würde. Der Pfad wandte sich augenblicklich steil nach oben, durchsetzt von knorrigen Wurzeln und mächtigen Steinblöcken. Victor ging in seiner roten Jacke entschlossen voran. Jeder Schritt verlangte Konzentration, das Aufsetzen der Hände an den kalten Felswänden gab uns Halt in den steilsten Passagen.
Beim Blick zurück offenbarte sich die wilde Dramatik der Schlucht. Die monumentalen Klippen aus hellem Sandstein ragten fast senkrecht in den makellos tiefblauen Himmel empor. Wie Wächter rahmten sie das Tal ein, während tief unten der dichte Nadelwald wie ein dunkelgrüner Teppich lag. Unterbrochen wurde dieses Grün immer wieder vom leuchtenden Goldgelb der herbstlichen Laubbäume, die im gleißenden Sonnenlicht regelrecht brannten. Weiter oben wurde der Weg zu einem regelrechten Blockmeer; ein Labyrinth aus rötlich-grauen Granitbrocken, das im Schatten der alten Tannen kühl und unnahbar wirkte, während die gegenüberliegenden Gipfel weiß in der Sonne strahlten.
Galerie: Der anstrengende Aufstieg
Nach den letzten, anstrengenden Felsstufen, die uns die Schweißperlen auf die Stirn trieben, öffnete sich die Landschaft wie ein steinernes Amphitheater – und da lag er: der Hanging Lake. Die Atmosphäre hier oben war von einer fast heiligen Stille geprägt. Das Wasser besaß eine unnatürliche, magische Klarheit und schimmerte in den intensivsten Nuancen von Smaragdgrün und Türkis. Ein uralter, von der Sonne weiß gebleichter Baumstamm ruhte regungslos im glasklaren Nass. Victor stellte sich erschöpft, aber glücklich ans Ufer und schirmte die Augen vor der grellen Bergsonne ab.
Als wir flach durch die spiegelglatte Oberfläche blickten, entdeckten wir zahlreiche Forellen, die als dunkle Schatten lautlos über den sandigen Seeboden glitten. Sanfte Schleierwasserfälle stürzten über eine weiche, moosbewachsene Travertinkante und speisten diesen unberührten Ort. Sogar ein frecher Diademhäher mit tiefschwarzer Kopfhaube und leuchtend blauem Gefieder leistete uns Gesellschaft und schielte gierig auf unser verdientes Mittagessen. Nach dieser magischen Rast traten wir den Rückweg an. Die Knie zitterten leicht beim Abstieg über die steilen Steinstufen, und auf einer hölzernen Aussichtsplattform, die kühn über dem Abgrund schwebte, blickten wir ein letztes Mal hinab in die tiefen Schatten des Tals.
Galerie: Das magische Ziel und der Rückweg
Die Ruhe des Flusses und das verwehrte Ziel: Der 26.09.2026
Elf Jahre später zog es mich wieder an diesen magischen Ort – diesmal in Begleitung meiner Frau Hania und meiner Schwägerin Basia. Unsere Fahrt führte uns von Keystone hinab in den Glenwood Canyon, und schon beim Herunterfahren stockte uns der Atem angesichts der gigantischen Ausmaße dieses Naturwunders. Doch am Eingang folgte die Ernüchterung: Die strengen Naturschutzauflagen erforderten mittlerweile eine Online-Genehmigung, von der wir nichts gewusst hatten. Der Hanging Lake blieb uns an diesem Tag verwehrt. Doch die Herzlichkeit des Mannes an der Schranke rettete unseren Ausflug – er schenkte uns 45 Minuten, um am Ufer des Colorado River spazieren zu gehen.
Es wurden 45 Minuten purer Friedhof und visueller Poesie. Der mächtige Colorado River floss hier vollkommen ruhig und träge durch das Tal, seine Oberfläche glatt wie poliertes Glas. Er wirkte wie ein gigantischer Spiegel für die monumentale Kulisse, die ihn einrahmte. Die gewaltigen, horizontal geschichteten Felswände aus ockerfarbenem Sandstein und dunklem Granit ragten links und rechts schwindelerregend steil empor. Am linken Rand schmiegte sich die kühne Betonkonstruktion der Interstate 70 auf Stelzen harmonisch in die engen Kurven der Schlucht – ein faszinierendes Zusammenspiel aus rauer Natur und menschlicher Ingenieurskunst.
Das tiefe Blau des Himmels war an diesem Spätseptembertag mit einem filigranen Netz aus weißen Schäfchenwolken überzogen, die sich mitsamt den rötlichen Felskanten messerscharf im tiefgrünen Wasser spiegelten. Ein riesiger, leuchtend hellgrüner Laubbaum dominierte das Ufer und bildete das lebendige, sanfte Herz des Canyons inmitten der kargen Steinwände. Wir schlenderten den asphaltierten Canyon-Weg entlang, genossen das warme Licht des Spätsommers und die absolute Stille, die nur vom leisen Glucksen des Flusses unterbrochen wurde. Es war nicht der Hanging Lake, aber der Colorado schenkte uns an diesem Tag einen unvergesslichen Trost.
Galerie: Spaziergang am Colorado River



















