Es war ein goldener Samstag Ende Oktober, als meine Frau Hanusia und ich uns aufmachten, um die geschichtsträchtigen Gassen von Novara zu erkunden. Eigentlich sollte uns meine Schwägerin Basia begleiten, doch wie es das Schicksal so wollte, wurde ihr Flug von Krakau nach Mailand-Malpensa gestern Abend kurzfristig abgesagt und auf heute Nachmittag verlegt. So nutzten wir die Stunden zu zweit und ließen uns von der magischen Atmosphäre dieser piemontesischen Perle verzaubern, deren Architektur uns Schritt für Schritt in staunendes Schweigen versetzte.
Unser Rundgang begann mit einem überwältigenden Anblick. Schon von Weitem zog das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt alle Blicke auf sich: die monumentale Basilika San Gaudenzio. Als wir in die Gasse einbogen, erhob sich die prächtige Barockfassade vor uns, überragt von der weltberühmten, 121 Meter hohen Kuppel des genialen Baumeisters Alessandro Antonelli. Die kopfsteingepflasterten Straßen führten uns näher an dieses architektonische Wunderwerk heran, bei dem sich der rustikale Charme der halbrunden Backstein-Apsis im Kontrast mit den filigranen, weißen Säulengalerien des Vierungsturms und dem kunstvollen, barocken Campanile zu einem harmonischen Gesamtbild verband.
Galerie: Das monumentale Wahrzeichen von Novara
Vollends in ihren Bann zog uns die Basilika, als wir ihr Inneres betraten, das sich als nicht weniger herrlich erwies. Der gewaltige Innenraum empfing uns mit einer erhabenen Andacht. Entlang des Tonnengewölbes wanderten unsere Blicke zu den opulenten Seitenkapellen, die mit meisterhaften Fresken, tiefgrünem Marmor und goldenen Schnitzereien verziert waren. Ein ganz besonderer Moment war der schwindelerregende Blick senkrecht nach oben: Die von Antonelli entworfene Innenkuppel schraubt sich mit ihren ringförmigen Galerien regelrecht in den Himmel und lässt das Tageslicht wie ein himmlisches Leuchten in das Kirchenschiff fallen.
Galerie: Die sakralen Schätze von San Gaudenzio
Wieder zurück im warmen Sonnenlicht führte uns unser Spaziergang durch die verwinkelten Gassen zu einem echten städtebaulichen Hingucker: dem Palazzo Natta-Isola. Das herrschaftliche Gebäude besticht durch einen außergewöhnlichen, spitz zulaufenden Grundriss, der die Straße wie ein Schiffsbug teilt. Der Fluchtlinie folgend blickten wir direkt auf die Chiesa di San Marco. Ihre helle, zweigeschossige Barockfassade mit mächtigen Säulen, tiefen Figurennischen und einem klassischen Dreiecksgiebel wirkte im hellen Licht fast unwirklich schön.
Galerie: Barocke Pracht und kühne Grundrisse
Nur wenige Minuten entfernt öffnete sich der Weg zur einladenden Piazza Matteotti, an der uns die elegante Front des Palazzo Natta erwartete. Als heutiger Sitz der Provinzverwaltung strahlt das Gebäude mit seinen symmetrischen Fensterreihen und den hellgrünen Läden eine noble Ruhe aus, während der angrenzende mittelalterliche Uhrturm (Torre dell’Orologio) stolz die Jahrhunderte überdauert. Ein paar Schritte weiter luden uns die schattigen Bogengänge und der kopfsteingepflasterte Innenhof des Istituto Superiore di Scienze Religiose zum Verweilen ein. Die Ruhe an diesem geschichtsträchtigen Ort war greifbar, ehe wir an der markanten, historischen Backsteinmauer der Rotonda della Besana vorbeikamen, wo ich ein wunderbares Erinnerungsfoto von Hanusia vor den großen Rundbogenfenstern aufnahm. Den krönenden Abschluss dieses Abschnitts bildete das Conservatorio Guido Cantelli, dessen rot-weiß gestaltete Barockfassade von feinen Steinbalustraden flankiert wird.
Galerie: Paläste, Höfe und versteckte Winkel
Gegen Mittag steuerten wir den monumentalen Komplex der Kathedrale von Novara (Cattedrale di Santa Maria Assunta) an, die ebenfalls von Antonelli im neoklassizistischen Stil vollendet wurde. Die mächtige Vorhalle mit ihren gewaltigen korinthischen Säulen rahmte den Zugang perfekt ein. Bevor wir hineingingen, schlenderten wir durch den idyllischen Chiostro della Canonica, einen friedlichen Kreuzgang voller antiker Steinelemente, von dem aus man einen herrlichen Blick auf die Backstein-Apsis und den Glockenturm hat. Im Inneren des Doms überwältigten uns die ockerfarben kannelierten Säulen, die reich verzierten Barockaltäre und das im Altarraum schwebende, goldene Triumphkreuz. Gleich nebenan besichtigten wir das frühchristliche Baptisterium – das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt –, dessen jahrhundertealte Fresken uns tief beeindruckten.
Galerie: Der monumentale Domkomplex und das Baptisterium
Nachdem wir uns bei einer köstlichen italienischen Pizza direkt gegenüber der Kathedrale gestärkt hatten, zog es uns wieder zurück in Richtung Stadtmitte. Wir überquerten die belebte Piazza della Repubblica, die von wunderschönen Arkadenhäusern gesäumt wird, und passierten die prachtvolle spätbarocke Fassade der Chiesa di San Eufemia. Wenig später erreichten wir das historische Herz des mittelalterlichen Novara: den Broletto-Komplex. Der Innenhof mit dem roten Backstein des Palazzo dell’Arengo und den feinen Bögen des Palazzo dei Paratici bot uns eine faszinierende Kulisse. Besonders verzauberte uns der Blick durch einen alten Torbogen, der wie ein steinerner Rahmen die majestätische Antonelli-Kuppel in der Ferne einfing.
Galerie: Das mittelalterliche Herz der Altstadt
Langsam rückte der Zeiger auf dem Zifferblatt unaufhaltsam nach vorn, und es wurde Zeit, an die Rückkehr zum Auto zu denken. Wir schlenderten durch den belebten Corso Cavour, eine charmante Einkaufsstraße mit bunten Fassaden, und erreichten schließlich die weitläufige Piazza Martiri della Libertà. Hier präsentierte sich uns das stolze neoklassizistische Teatro Coccia mit dem Reiterdenkmal von Karl Albert inmitten einer großen Baustelle. Direkt daneben zog die elegante, helle Fassade des Palazzo Venezia mit ihren tiefen Rundbogen-Arkaden unsere Blicke auf sich.
Galerie: Über die Piazza Martiri della Libertà
Unser allerletzter Stopp vor der Abfahrt galt dem mächtigen Castello Visconteo-Sforzesco. Ein schnurgerader Kiesweg führte uns durch gepflegte Grünanlagen direkt auf das mittelalterliche Festungstor zu. Der weite Innenhof mit seinen rauen Backsteinmauern und den gekonnten modernen Rekonstruktionen spiegelte die bewegte Militärgeschichte Novaras wider. Beim Blick über die alten Wehrmauern und den tiefen Festungsgraben atmeten wir noch einmal die geschichtsträchtige Luft ein. Auf den letzten Metern zum Auto passierten wir schließlich die markante, ockerfarbene Fassade der Chiesa della Santissima Trinità und den prachtvollen, eklektizistischen Palazzo Luraschi. Mit diesen unvergesslichen Eindrücken im Gepäck starteten wir schließlich den Motor in Richtung Flughafen Malpensa, um Basia um 14:40 Uhr glücklich in die Arme zu schließen und unser gemeinsames Wochenende einzuläuten.
Galerie: Festungszauber und Abschied von Novara








































