Ein historischer Streifzug durch Cheyenne

Auf den Spuren der Viehbarone und Pioniere

Gestern stand ganz im Zeichen der Geschichte, als ich mich aufmachte, um das historische Herz von Cheyenne zu erkunden. Die Hauptstadt von Wyoming atmet den Geist des alten Westens, doch statt staubiger Saloons fand ich ein Viertel vor, das von herrschaftlicher Architektur, tiefer Religiosität und dem unaufhaltsamen Fortschritt der Eisenbahnzeit erzählt. Mein Spaziergang wandelte sich schnell in eine faszinierende Zeitreise durch die Epochen amerikanischer Pionierarbeit.

Der Tag begann an der Wyoming Historic Governors‘ Mansion. Schon beim ersten Anblick der herrschaftlichen Residenz aus dem Jahr 1904 spürt man die koloniale Eleganz, die dieses Gebäude ausstrahlt. Erbaut im Colonial-Revival-Stil, verbindet die Frontfassade warme rote Backsteine mit monumentalen weißen Elementen. Besonders beeindruckend sind die vier großen, weißen Sandsteinsäulen, deren kunstvolle korinthische Kapitelle das schwere Gebälk und einen klassischen Dreiecksgiebel tragen. Ein einladender Pflasterweg führt direkt zum Portal, während zwischen den Säulen stolz die amerikanischen Flaggen im Wind wehen.

Beim Betreten der Villa setzt sich das nostalgische Ambiente nahtlos fort. Man bekommt einen intimen Einblick in die einstige Wohnkultur der feinen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Das historische Jugendzimmer der Gouverneurskinder verzaubert mit zwei identischen Einzelbetten aus dunklem Holz, deren helle Tagesdecken die eingestickten Initialen „GM“ tragen. Schwere rote Samtvorhängen an den Fenstern, gemusterte Tapeten und ein alter Lederkoffer mit historischen Reiseaufklebern lassen die Vergangenheit lebendig werden. Ein paar Schritte weiter öffnet sich der herrschaftliche Speisesaal. An der langen, festlich gedeckten Tafel mit weißem Tischtuch, feinem Porzellan mit Goldrand und silbernen Kerzenleuchtern speiste einst die politische Elite des Bundesstaates. Die warme Goldnote der gemusterten Tapeten und die halbhohe Holzvertäfelung verleihen dem Raum eine feierliche Würde. Einen wunderbaren Kontrast dazu bildet die gemütliche Frühstücksecke im hinteren Teil des Hauses. Sie ist in einem hellen Salbeigrün gestrichen und blickt direkt in den Innenhof. Das liebevoll arrangierte Kaffeegeschirr auf dem quadratischen Tisch und die Stühle mit ihren charmanten rosa Schleifenkissen zeigen die private, familiäre Seite des damaligen Gouverneurslebens.

Galerie: Die Residenz der Gouverneure


Direkt nebenan und in den umliegenden Straßen setzt sich der architektonische Reiz fort, denn das ganze Viertel ist mit historischen Häusern übersät. Unmittelbar neben der Villa steht ein wunderschönes grau gestrichenes Holzhaus im viktorianischen Queen-Anne-Stil. Mit seinem steilen, spitzen Turmdach, einem reich verzierten Eingangsgiebel und einer gemütlichen, überdachten Veranda mit weißen Holzgeländern wirkt es wie aus einem Märchenbuch. Heute beherbergt es die Büros der Wyoming Children’s Society. Mein Weg führte mich weiter in den berühmten Rainsford Historic District. Dieses Viertel, auch als „Cattle Baron Row“ bekannt, war im späten 19. Jahrhundert die Heimat wohlhabender Viehbarone, die hier ihren Reichtum in Form von Prachtbauten zur Schau stellten. Ein besonders schönes Beispiel ist ein zweistöckiges Wohnhaus mit einer hellgrünen Holzfassade und dunkelbraunen Akzenten. Sein mehreckiger Eckerker im Obergeschoss und die weitläufige Veranda, die von zierlichen weißen Holzsäulen getragen wird, zeugen von meisterhafter Zimmermannskunst und dem damaligen Wohlstand der Stadt.

Inmitten dieser herrschaftlichen Wohnstraßen stieß ich auf die ersten sakralen Bauten. Die historische Agape Baptist Church ist ein herzerwärmendes, klassisches Beispiel für die kleineren, traditionellen Holzkirchen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit ihrer schlichten, weißen Holzfassade, dem braun geschindelten Satteldach und dem kleinen stufenförmigen Glockenturm, der von zwei weißen Kreuzen gekrönt wird, strahlt sie eine wunderbare Ruhe aus.

Galerie: Prachtbauten und frühe Gemeinden


Der architektonische Maßstab änderte sich dramatisch, als ich mich der imposanten Cathedral of St. Mary näherte. Erbaut zwischen 1906 und 1909 aus grauem Sandstein, der aus den nahe gelegenen Iron Mountains herbeigeschafft wurde, zieht dieses monumentale neugotische Bauwerk jeden Betrachter in seinen Bann. Von der Seite betrachtet, dominieren die spitz zulaufenden Maßwerkfenster, das steile, dunkelgraue Schieferdach und der mächtige, viereckige Glockenturm das Erscheinungsbild. Als ich um die Ecke bog, offenbarte sich die volle Pracht der Vorderfassade. Das große, spitzbögige Maßwerkfenster mit seinem blauen Buntglas glänzte im Sonnenlicht direkt unter einem steinernen Kreuz auf dem Dachgiebel, während der Turm mit seinen vertikalen Klangarkaden majestätisch in den Himmel ragte.

Mein Weg führte mich weiter ins geschäftige Zentrum von Downtown Cheyenne. An einer markanten Straßenecke erhebt sich das historische Carey Building. Seine detailreiche Backsteinfassade mit kunstvollen Friesen, den markanten Rundbogenfenstern im Obergeschoss und einem repräsentativen Rundbogeneingang verkörpert perfekt die gewerbliche Architektur der Jahrhundertwende. Direkt gegenüber steht die First Presbyterian Church. Sie wurde Mitte der 1920er Jahre ebenfalls im neugotischen Stil errichtet, unterscheidet sich aber durch ihren hellen, beigefarbenen Werkstein. Ihr massiver, zinnenbewehrter Glockenturm und das verzierte Buntglasfenster über dem Eingangsportal bilden ein beeindruckendes Ensemble sakraler Baukunst.

Galerie: Monumentale Sakral- und Stadtarchitektur

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Schließlich erreichte ich das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt: das majestätische Wyoming State Capitol. Der politische Mittelpunkt des Bundesstaates wurde im korinthischen Stil aus lokalem Sandstein erbaut. Schon von der Seite betrachtet fasziniert die symmetrische Ostfassade mit ihren feinen Fensterreihen und dem Dreiecksgiebel. Über allem thront die berühmte, mit 24-karätigem Blattgold verzierte Kuppel, die wie ein Leuchtfeuer in der Sonne strahlt. Die vollständige Frontansicht von der Capitol Avenue aus ist schlicht atemberaubend. Der weitläufige Prachtbau im Stil der Neorenaissance erstreckt sich über die gesamte Blickachse, flankiert von hohen Fahnenmasten und alten Bäumen.

Das Innere des Kapitols übertrifft fast noch die äußere Pracht. Hier wird die reiche Geschichte Wyomings lebendig. Im Nellie Tayloe Ross Executive Conference Room erinnert ein gerahmtes Porträt an die namensgebende Gouverneurin, die 1925 als erste Frau in der Geschichte der USA dieses hohe Amt antrat. Der Raum besticht durch eine kunstvoll mit historischen Mustern bemalt Decke und einen glänzenden Konferenzschatztisch. Der Plenarsaal des Repräsentantenhauses (Wyoming House of Representatives Chamber) raubte mir fast den Atem: Ein weiter Raum voller dunkler Holzpulte unter einer tiefen Kassettendecke, in deren Zentrum ein farbiges Buntglas-Dachfenster eingebettet ist. Große Gemälde mit historischen Western-Szenen schmücken die Wände. Der benachbarte Senatssaal (Wyoming Senate Chamber) präsentiert sich in einer eleganten Hufeisenform auf einem opulent gemusterten, rot-beigen Teppich unter einer prächtigen Gewölbedecke. Den krönenden Abschluss der Innenräume bildete der alte Sitzungssaal des Obersten Gerichtshofs (Historic Supreme Court Chamber). Mit seinen leuchtend blauen Wänden, den gold-orangefarbenen Stuckornamenten und einer monumentalen Zuschauertribüne aus dunklem Holz strahlt er eine unvergleichliche, feierliche Würde aus.

Galerie: Das Herz der Politik und Geschichte


Wieder zurück im hellen Tageslicht, setzte ich meine Erkundung auf dem weitläufigen Kapitolplatz fort. Direkt gegenüber des Regierungssitzes steht das historische Mullens-Hay House, das heute als Verwaltungsbüro genutzt wird. Das zweistöckige Backsteingebäude mit seinem weit auskragenden Walmdach fügt sich harmonisch ein. Auf seinem perfekt gepflegten Rasen zieht eine bronzene Statue eines knienden Cowboys den Blick auf sich. Nur wenige Schritte weiter erhebt sich das Wyoming Supreme Court Building. Dieses im monumentalen, neoklassizistischen Stil errichtete Bauwerk ist das architektonische und juristische Gegenstück zum Kapitol. Seine strenge, helle Steinfassade wird von hohen klassischen Säulen und goldenen Fensterrahmen akzentuiert.

Vor dem Gerichtsgebäude säumen zwei bedeutende Denkmäler den Weg. Auf der einen Seite steht die lebensgroße Bronzestatue von Justice Willis Van Devanter, dem ersten Juristen aus Wyoming, der es bis an den US Supreme Court schaffte. Seine Statue auf dem Natursteinsockel strahlt gelehrte Würde aus. Auf der anderen Seite berührte mich das Denkmal „Promise of the Prairie“ zutiefst. Die detailreiche Skulptur einer dreiköpfigen Siedlerfamilie fängt die Essenz der Pionierzeit ein: Der Vater in Latzhose hält das Kind schützend im Arm, während sich die Mutter eng an ihn schmiegt. Es ist ein kraftvolles Symbol für den familiären Zusammenhalt, der das Fundament für die Besiedlung dieser rauen Landschaft bildete.

Galerie: Gerechtigkeit und das Erbe der Pioniere


Zum Abschluss meines ereignisreichen Rundgangs bewegte ich mich zurück in Richtung der historischen Transportwege, die Cheyenne einst groß machten. An der Kreuzung zur West 19th Street passierte ich den monumentalen Masonic Temple aus dem Jahr 1901. Das gewaltige Backsteingebäude im Stile des Second Renaissance Revival zieht die Blicke mit seinen langen Reihen von Rundbogenfenstern und dem prachtvollen, rundbogeigen Eckportal magisch an. Ein Stück weiter entlang der Central Avenue bewunderte ich die St. Mark’s Episcopal Church. Diese aus rötlich-braunem Sandstein erbaute Kirche ist eine der ältesten Gemeinden des Staates. Ihr markanter neugotischer Glockenturm wurde nach dem Vorbild des berühmten Magdalen College in Oxford gestaltet und verleiht der Straße ein fast europäisches Flair.

Das absolute Highlight und der perfekte Schlusspunkt meiner Tour war das weltberühmte Cheyenne Depot Museum. Das ehemalige Union Pacific Railroad Depot aus den Jahren 1886/1887 ist ein Meisterwerk aus hellem und rötlichem Sandstein. Seine asymmetrische Architektur, die spitzen Dachgiebel und der alles überragende Uhrenturm mit seinem dunklen Spitzdach machen es zu einem der schönsten Bahnhöfe der USA. Wo einst die Dampfloks die Pioniere in den Westen brachten, pulsiert heute das historische Herz der Stadt am weiten Depot Plaza. Es war der krönende Abschluss eines unvergesslichen Tages voller architektonischer Entdeckungen.

Galerie: Die Motoren des Fortschritts

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